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Über Forscher (in Kooperation mit Meteoerror)

Quelle: Blog | https://meteoerror.wordpress.com ein Medienwatchblog, dessen Schwerpunkt auf der Darstellung meteorologischer Sachverhalte in den Medien liegt. über den Autor: abgeschlossenes Diplom-Studium der Meteorologie & Geophysik in Innsbruck | seit 2010 Berufsmeteorologe | umfassendes Interesse für meteorologische Phänomene wie Föhn, Tornados, Gewitter, Schnellläufer (Stürme), Talwindsysteme | fühlt sich dem Gewissen verpflichtet, über irreführende Darstellungen meteorologischer Sachverhalte in den Medien aufzuklären.

Windsysteme und Hochnebel im Salzburger Becken

In der Nacht vom Dienstag, 14.11. auf 15. November 2017 geriet die eingeflossene Kaltluft unter Hochdruckeinfluss und kräftigem Absinken in der Höhe. Die bodennah noch feuchte Luftmasse konnte durch die sich bildende Absinkinversion nicht entweichen und es entstand im Alpenvorland verbreitet Hochnebel. Inneralpin war der Himmel in der Nacht dagegen wolkenfrei und die Luft kühlte über den schneebedeckten Alpentälern stark aus, etwa mit knapp -10°C in Radstadt. Dadurch entstand in der Nacht ein Druckgefälle talauswärts, weil die Luftmasse sich unter dem Hochnebel im Alpenvorland weniger stark abkühlte mit verbreiteten Tiefstwerten von -2°C bis 0°C.

In der Früh reichte der Hochnebel vom Salzkammergut bis zur Flyschalpenkette Haunsberg-Kühberg. Der Schornstein der Kaindl-Holzfabrik zeigt Südwind (Talauswind) an. Nebelschwaden reichen bis zum Högl, eine kompakte Nebeldecke hängt über dem flachen Tal der Stoißer Ache zwischen Teisendorf und Piding, wo die A8 verläuft. Sehr schön ist die Änderung der Fließrichtung zu sehen, mit den ausgefransteren Nebelschwaden an der Südostkante des Nebelgebiets, wo trocken-frostige Luft aus dem Saalachtal herausströmt, das nebelfrei geblieben ist. Gänzlich nebelfrei das Salzachtal.

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06.50 MEZ

Eineinhalb Stunden später hat der Hochnebel seine maximale Ausdehnung erreicht, fast bis zum Kaindl-Rauch, und auch zwischen Hochgitzen und Maria Plain strömt Nebel entlang der Fischach hinab.

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08:30 MEZ

Eine Stunde später löst sich der Hochnebel östlich der Salzach sichtbar auf, die Ostkante vom Högl her bleibt etwa auf Höhe der Saalach.

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09:30 MEZ

Danach geht die Auflösung schnell, obwohl der Wind danach zu schwächeln beginnt. Um die Mittagszeit zeigen sich noch hochnebelartige Restwolken an der recht konstanten Inversion in rund 900-1000m Höhe. Der Wind dreht auf Nordwest, bleibt aber schwach.

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12.40 MEZ

Im Laufe des Nachmittags zeichnet sich bereits ab, was mit Sonnenuntergang bald passieren würde: Infolge der tageszeitlichen Erwärmung, die mit maximaler Sonnenstundenanzahl inneralpin viel schneller ging als im Alpenvorland, wo der Hochnebel lange Zeit die Einstrahlung behinderte, hat sich nun ein Druckgefälle in Richtung Alpen aufgebaut. Der Nordwestwind bleibt erhalten. Die Inversion ist vorhanden, die feuchte Luftmasse ebenfalls. Alles deutet nun auf Hochnebel hin.

Zwei Stunden später schieben sich die ersten Stratocumulusfelder unterhalb des Gaisbergs, einzelne Fetzen anfangs auch knapp in Gipfelhöhe, vorbei ins Salzburger Becken.

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14:50 MEZ

Eine gute Stunde später hat sich eine deutliche Dunstschicht bis zum Horizont ausgebildet und die Stratocumulus-Decke über dem Salzburger Becken wird immer flächiger.

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16:10 MEZ

Mit Eintritt der blauen Stunde bildet sich auch zwischen Staufen und Högl wieder Hochnebel aus, die Wolkendecke über Salzburg ist nun sehr kompakt.

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16:40 MEZ

Gegen Ende der Dämmerung ist die Hochnebeldecke fast lückenlos, sie erreicht daraufhin auch Bad Reichenhall und schiebt sich im Laufe der Nacht noch bis etwa Pass Lueg vor.

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17.20 MEZ

Quelle der Webcambilder: https://www.foto-webcam.eu/webcam/salzburg/ 

Wie muss man sich ein hydrostatisches Druckgefälle vorstellen? Jeder kennt das Phänomen, wenn man heiß duscht und sich der Duschvorhang nach innen ausbeult. Das gleiche Prinzip. Das heiße Wasser erzeugt kurzzeitig einen Unterdruck gegenüber der relativ kühleren Badumgebung und ein Druckgefälle zur Dusche hin. So auch hier am späten Nachmittag mit wärmerer Luftmasse inneralpin und kühlerer Luftmasse im Alpenvorland. Bei unveränderter großräumiger Luftdrucksituation würde sich in der Nacht wieder Talauswind einstellen, weil die wolkenfreien Alpen wieder stärker auskühlen als die flachen Regionen unterm Nebel. Doch half hier auch die Verlagerung des Bodenhochs ins nördliche Alpenvorland mit bei gleichzeitigem Tiefdruckgebiet über Südeuropa.

Sturmtief HERWART – eine Satellitenbildanalyse

Als ich 2003 mit dem Meteorologie-Studium begann, machte ich solche Analysen regelmäßig, auch in den nachfolgenden Jahren. Weit über 100 solcher Studien sind im Laufe der Jahre zusammenkommen. Es ist jedes Mal ein Genuss. So auch bei Sturmtief HERWART, zumindest in Österreich wurden die stärksten Windspitzen seit Orkan EMMA (1.3.2008) gemessen, auf den Bergen verbreitet über 180km/h, aber auch viele Flachlandstationen erreichten Orkanstärke:

  • Enns 140 km/h
  • Irdning/Ennstal 137 km/h
  • Mariazell 133 km/h
  • Kremsmünster 126 km/h
  • Wien-Schwechat 126 km/h
  • Haag 123 km/h
  • Innsbruck 122 km/h (Nordföhn, vor der Kaltfront)

Private Wetterstationen auf AWEKAS:

136.8 km/h Riegersburg (Steiermark)
133.3 km/h Valentinhaft/Munderfing (OÖ)
128.7 km/h Kirchdorf/ Krems
120.7 km/h Vorchdorf (Traunviertel)
120.6 km/h Wartberg a.d. Krems

Satellitenbild (RGB) vom Sonntag, 29. Oktober 2017, 13.00 MEZ

Großwetterlage: Ein Sturmtief verlagert sich in einer straffen Nordwestströmung rasch von der Ostsee über Polen weiter in die Ukraine. Von Westen rückt ein Hochdruckgebiet nach.

satellitenbildanalyse

Die schwarze Linie markiert die Position der Jetstream-Achse. Westlich davon gerät die Luftmasse unter antizyklonalen Einfluss mit kräftigem Absinken in der Höhe und recht niedrigen Wolkenobergrenzen. Damit wird die vertikale Mächtigkeit der Schauerbewölkung begrenzt und die Gewitterneigung ist deutlich geringer als östlich der Jetachse, wo zyklonaler Einfluss und Höhenkaltluft überwiegen. Hier sind die Obergrenzen deutlich höher und es traten zahlreiche Gewitter auf.

Gegenüberstellung der Wetterballonaufstiege von Stuttgart und Wien:

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Stuttgart befindet sich unter stärkerem antizyklonalen Einfluss mit der Absinkinversion in rund 750 hPa Höhe und Wolkenobergrenzentemperaturen um -8°C. Selbst für Wintergewitter sollten wenigstens -15°C vorhanden sein. Anders in Wien (und weiter östlich), hier lag die Absinkinversion deutlich höher in ca. 600 hPa. Damit lagen die Wolkenobergrenzentemperaturen bei mindestens -20°C.

Die Zahlen bedeuten ….

(1) Wetteraktivster Teil der Kaltfront über Ungarn mit wabenförmigen Zellstrukturen im Satellitenbild. Diese treten recht häufig dann auf, wenn die Kaltfront genau unter dem linken Jetausgang liegt, wo maximaler Hebungsantrieb vorhanden ist. Die Zellbänder sind vermutlich auf Schwerewellen zurückzuführen. Wann immer man solche Strukturen sieht, sollten die Alarmglocken läuten (dazu später mehr).

(2) Hier befindet sich die Kaltfront bereits im antizyklonalen Jetbereich mit zunehmenden Absinken. Die westlichsten Blitzentladungen wurden über Salzburg registriert (Gaisberg). Zusätzlich negativ auf die Wetteraktivität wirkte sich die strömungsparallele Lage der Kaltfront aus, sie schleifte zunehmend dahin und kam nur langsam südwärts. Die stärksten Windböen wurden vielerorts, ausgenommen im Osten in Zusammenhang mit Gewittern, vor der Kaltfront im Warmsektor erreicht, verursacht durch das extreme Druckgefälle zwischen Bodensee und Wiener Becken, am Vormittag bis zu 24 hPa erreichend.

(3) Hinter der Kaltfront setzte durch den Transport stratosphärischer Luft (extrem trocken) bis in tiefe Lagen markantes Absinken und Aufklaren ein. Vorübergehend war es nach Durchzug der Kaltfront fast wolkenlos. Je ausgeprägter diese „Dry Intrusion“, desto heftiger der Kaltfrontdurchzug.

(4) Die Okklusionsfront.

(5) Der Höhentrog mit Höhenkaltluft, je nach Position zur Jetachse mit kräftigen Schauern und Gewittern einhergehend oder mit harmloserer Schauerbewölkung.

(6) Bereich mit auflockernder Bewölkung an der Alpensüdseite (nordföhnbedingt), vor Frontdurchgang wurden verbreitet 20-25°C gemessen.

(7) Stationäre Leewellen an der Alpensüdseite, aber mit eindeutiger Nordwest-Südost-Orientierung.

(8) Hochreichende und kompakte Bewölkung auf der warmen Seite („warmes Förderband“)

Vergleich HERWART mit EMMA (2008, oben) und KYRILL (2007, unten):

emmakyrill

In allen Fällen …

  • bilden sich die unter (1) erwähnten wabenförmigen Wolkenzellen heraus,
  • gab es hier die stärksten Gewitter und schadensträchtigsten Kaltfrontböen mit über 150km/h
  • lockerte die Bewölkung unmittelbar vor Kaltfrontdurchzug sowie dahinter signifikant auf.

KYRILL und EMMA hatten allerdings eine deutlich westlichere Zugbahn, weshalb die Warmfrontniederschläge ausgeprägter waren und der Schwerpunkt der Spitzenböen über Mitteleuropa lag.

Übrigens … wie schon zuvor Emma und Kyrill, aber auch zuletzt Xavier 2017 waren die Wettermodelle hervorragend und prognostizierten den Verlauf des Sturmtiefs sehr genau. Überrascht konnte dieses Mal niemand sein.