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Über Forscher (in Kooperation mit Meteoerror)

Quelle: Blog | https://meteofranke.com ein Medienwatchblog, dessen Schwerpunkt auf der Darstellung meteorologischer Sachverhalte in den Medien liegt. über den Autor: abgeschlossenes Diplom-Studium der Meteorologie & Geophysik in Innsbruck | seit 2010 Berufsmeteorologe | umfassendes Interesse für meteorologische Phänomene wie Föhn, Tornados, Gewitter, Schnellläufer (Stürme), Talwindsysteme | fühlt sich dem Gewissen verpflichtet, über irreführende Darstellungen meteorologischer Sachverhalte in den Medien aufzuklären.

Hurrikan Ophelia mit spannender Zugbahn

Hurrikan Ophelia ist der zehnte Hurrikan in Serie und mit derzeit 80 Knoten Spitzenwinden handelt es sich um den stärksten Oktoberhurrikan soweit östlich seit IVAN im Jahr 1980.

Die aktuelle Prognose des Hurrikancenters in Miami lässt ihn bis als Hurrikan an den Azoren vorbeiziehen und dann in Hurrikanstärke in ein außertropisches Sturmtief umwandeln.

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Hierzu ein paar wichtige Anmerkungen:

Die Windgeschwindigkeits-Wahrscheinlichkeiten beziehen sich auf den Wirbel in Tropensturm-Gestalt. Selbst wenn er nicht mehr als Hurrikan, sondern nur noch abgeschwächt als „normales“ Sturmtief auf Irland trifft, kann er weiterhin Orkanböen hervorbringen, wie es der Morgenlauf des amerikanischen Modells gezeigt hat:

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Zu sehen ist hier der Mittelwind (in Knoten) in 850hPa, das sind bei einem Luftdruck von 1013 hPa am Boden 1500m. Durch den starken Druckfall des Sturmtiefs sinkt die 850hPa-Druckfläche jedoch gut 200m ab, d.h., der Mittelwind hier bezieht sich auf nur rund 1300m Seehöhe und kann entsprechend viel leichter zum Boden herabgemischt werden.

Spezielle Modellkarten zeigen auch, dass OPHELIA auch nach der Umwandlung tropische Eigenschaften besitzt, indem der Kernbereich des Tiefs bodennah mit Warmluft gefüllt bleibt. Man spricht von einem „assymetrischen warmen Kern“, weil der Wirbel mit der Höhe versetzt ist und das Tief zunehmend Fronten ausbildet.

Die Asymmetrie führt dazu, dass das Windfeld an der Ostflanke des Tiefs auf der warmen Seite stärker ausgeprägt sein wird als an der kalten Westflanke. Mit der zügigen Verlagerung nach Norden addieren sich an der Ostflanke Verlagerungsgeschwindigkeit und Windspitzen aus Süden, was das Risiko von heftigen Windböen zusätzlich erhöht.  Die Rückseite wird dem recht labil gerechnet und einzelne Schauer reichen dann aus, um den heftigen Südwind bis Südwestwind zum Boden durchzudrücken, in dem oben gezeigten Fall wären das 110-120km/h an der Südküste Irlands und über 140km/h an der Westküste. Die neueren Läufe des Modells zeigen eine westlichere Zugbahn und eine geringere Beeinflussung der Britischen Inseln, das wird sich aber vermutlich noch ein paar Mal ändern bis Montag.

Die Essenz dieses Sermons:

  1. OPHELIA trifft nicht mehr im Besitz aller tropischer Eigenschaften, die ihn als Tropensturm oder Hurrikan klassifizieren lassen, auf europäisches Festland. Die Azoren werden als Hurrikan beeinflusst, Irland und England nicht mehr.
  2. OPHELIA besitzt auch nach der Umwandlung in ein außertropisches Sturmtief noch tropische Eigenschaften wie kräftigen Regen im Warmfrontbereich und ein sehr kräftiges Windfeld um den Kernbereich herum.
  3. Dieses Windfeld ist an der Ostflanke am stärksten ausgeprägt (wie übrigens auch bei Hurrikan NATE kürzlich) und kann dort nochmals Orkanböen hervorbringen, selbst wenn OPHELIA nicht mehr als Hurrikan klassifiziert wurde.
  4. OPHELIA ist der 4. Tropensturm seit 2005, der Europa direkt beeinflusst: Der letzte Tropensturm in Hurrikanstärke traf 2005 auf Portugal und Spanien (Hurrikan VINCE), danach bildete sich im Oktober 2009 sehr weit östlich über lediglich 18-22°C warmen Wasser Tropensturm GRACE, der noch mit stecknadelkopfgroßem Auge an Irland anstreifte, ehe er sich über Wales auflöste.  Danach gab es einen Tropensturm im Mittelmeer (7. November 2011), vom NHC 01M genannt, hierzulande unter ROLF bekannt, der im westlichen Mittelmeer kurzzeitig Tropensturm-Status erreicht hat. Hurrikane im Mittelmeer werden auch Medicane genannt. Weitere Fallbeispiele für Tropenstürme im Mittelmeer gibt es aus den Jahren 1947, 1969, 1982, 1983, 1995 und 2007.
  5. Fast alle Tropenstürme, die vor Europa oder im Mittelmeer entstehen oder bis zum Ostatlantik durchhalten, werden weniger durch die absolute Meeresoberflächentemperatur am Leben gehalten als durch vertikale Temperaturunterschiede. Diese halten die kräftigen Schauer und Gewitter, die für Tropenstürme notwendig sind, aufrecht. Aufgrunddessen entstehen sie überwiegend im Herbst und Winter, wenn der Ozean oder das Mittelmeer relativ warm sind und in der Höhe erste Kaltluftvorstöße vom Nordatlantik den Süden erreichen.

Wurde Xavier vom Klimawandel beeinflusst?

Dritter und hoffentlich letzter Beitrag zu Sturmtief XAVIER vom 5. Oktober 2017.

Ich vernehme in den Sozialen Medien das zunehmende Bedürfnis, Sturmtief XAVIER mit dem Klimawandel in Verbindung zu bringen und sogar in eine Reihe mit den Hurrikanen HARVEY, IRMA, MARIA, etc. zu stellen. Das ist ein Vergleich mit Äpfel und Birnen, auch wenn Hurrikane und XAVIER beide in atlantischem Gewässer entstanden.

Tropenstürme …. entstehen vollkommen anders als Tiefdruckgebiete gemäßigter Breiten:

Für die Entwicklung eines Tropensturms benötigt man …

  • eine Badewanne voll warmen Wassers (ideal: Golf von Mexiko, Karibik, zu klein: Ostsee, Mittelmeer: gerade so ausreichend)
  • geringe oder keine Luftmassenunterschiede (keine Fronten)
  • labile Luftschichtungen, die große Schauer- und Gewittersysteme erzeugen
  • geringer Höhenwind, weil sich sonst der Wirbel am Boden und in der Höhe entkoppeln und das System zerrissen wird
  • Coriolisparameter f > 0: Corioliskraft ist notwendig, damit das Gewittersystem in Drehung versetzt werden kann. Am Äquator entstehen daher keine Tropenstürme.

Für kräftige Tiefdruckgebiete in unseren Breiten benötigt man …

  • große Luftmassengegensätze
  • sehr feuchte und labile Luftmassen (z.B. aus einem ehemaligen Hurrikan heraus entstehend)
  • kräftige Höhenströmung (Jetstream)
  • warmes Ozeanwasser (niedrige statische Stabilität)

Nun könnte man einwenden, dass die Erwärmung der Meeresoberflächen doch auch Sturmtiefs wie XAVIER beeinflusst haben kann.

Dazu mehrere Einwände:

1. Bei Hurrikan HARVEY konnte man nachweisen, dass die Meeresoberflächentemperatur im Golf von Mexiko um 1-2°C über dem Durchschnitt lag.

Im Ostatlantik wurden dagegen wenige Tage vor, aber auch am gleichen Tag wie XAVIER über Deutschland fegte, sogar leicht negative Abweichungen gemessen.

2. Die Ursprünge von Sturmtief XAVIER liegen in einem mit recht warmen Luftmassen gefülltem Tiefdruckgebiet, das sich am 3. Oktober vor Neufundland befand. Es entstand im Gefolge von Hurrikan MARIA, ging aber nicht aus einem Tropensturm hervor.

Folgende Abbildungen zeigen die Entwicklung von XAVIER am Mittwoch, 04. Oktober, 02 MESZ (oben links), 14 Uhr MESZ (oben rechts), 20 Uhr MESZ (unten links) und am Donnerstag, 05. Oktober, 08 MESZ (unten rechts).

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Quelle: wetter3.de

Schwarz eingekringelt der ENTSTEHUNGSORT von XAVIER, nämlich als Warmfrontwelle. Die meisten Tiefdruckgebiete entstehen aus frontalen Wellen, und davon der überwiegende Teil an Kaltfronten. Warmfrontwellen treten vergleichsweise selten auf. XAVIER lag als Warmfrontwelle auf dem Jetstream und wurde so zügig nach Norddeutschland transportiert.

Mittwochmittag lag XAVIER vor der Westküste Irlands mit einem Kerndruck von 1007 hPa. Als er am Abend Irland und Schottland überquerte, sank der Kerndruck nur langsam auf 1005 bis 1002 hPa ab. Die eigentliche Vertiefung passierte erst über der Nordsee, als er in die Zirkulation des skandinavischen Sturmwirbels eingegliedert wurde. Binnen 16 Stunden sank der Luftdruck in Hamburg um 21 hPa ab, der niedrigste Luftdruck wurde um 13 Uhr mit 989 hPa erreicht. Der niedrigste Luftdruck von XAVIER dann zwei Stunden später über dem südlichen Mecklenburg-Vorpommern mit 986 hPa.

Wie kürzlich bei Hurrikan NATE zu beobachten, ist eine hohe Zuggeschwindigkeit starken Vertiefungen abträglich. NATE ging als Hurrikan der Kategorie 1 ans Festland, zuvor zog er mit bis zu 40km/h über den Golf von Mexiko und konnte aufgrunddessen nicht vom wärmeren Meeresoberflächenwasser profitieren. Bei XAVIER hingegen fand der stärkste Vertiefungsprozess über der südlichen Nordsee statt, allerdings war auch hier die Verweildauer über dem Wasser sehr kurz.

3. Die Omega-Gleichung

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Hinter diesem Monstrum verbirgt sich in Laiensprache gesagt der Grund für die starken Vertiefungen bei Sturmtiefs gemäßigter Breiten, nämlich Hebungsantrieb, der zu bodennahem Druckfall führt. Diese Hebung kann passieren durch …

  • Term 1: Höhentröge (Druckgebiete in der Höhe, die sich mit dem Höhenwind verlagern)
  • Term 2: Warmluftzufuhr (wärmere Luftmassen werden herangeführt)
  • Term 3: Bodenreibung (meist vernachlässigbar)
  • Term 4: Heizung durch Sonneneinstrahlung (meist vernachlässigbar)

Alle vier Antriebsterme weisen den Vorfaktor 1/σ auf, d.h. die Stärke des Antriebs ist umgekehrt proportional zur statischen Stabilität. Je niedriger die statische Stabilität, umso intensiver sind die Auswirkungen der einzelnen Antriebsterme. Hier kommt wieder das Warmwasserreservoir Ozean zum Vorschein, welches die statische Stabilität herabsetzt.

In vielen Fällen verstärken sich die Tiefdruckgebiete der mittleren Breiten aber trotz Warmwasserheizung nicht weiter, weil Term 1 und Term 2 von den Größenordnungen her viel bedeutsamer sind. Als sich Ex-Hurrikan MARIA in ein gewöhnliches Tief umwandelte, löste es sich während der Umwandlung im Ostatlantik auf, weil die Lage im Jetstream ungünstig war und keine weitere Entwicklung erlaubte.

Das ist der große Unterschied zwischen Hurrikan und Sturmtief:

Bei Tropenstürmen ist es wichtig, wenig Höhenwind und viel warmes Oberflächenwasser zu haben, zumal Tropenstürme zu 100% aus Gewittersystemen bestehen. Bei Sturmtiefentwicklungen hingegen ist starker Höhenwind umso besser und die Heizung von unten weniger wichtig. Eher spielt die Reibung eine Rolle, die über dem Festland stärker als über dem Ozean ist, aber die verändert sich durch den Klimawandel nicht.

Die Entwicklung des Sting Jets verkompliziert die Henne-Ei-Frage natürlich …trockene Einschübe aus höheren Luftschichten gibt es bei JEDEM Sturmtief und es ist bekannt, dass der stärkste Druckfall dann einsetzt, wenn dieser Einschub den Bodentiefkern überrennt. Das geschah jedoch, als XAVIER bereits über dem Festland war. Auch traten die stärksten Böen auf, als XAVIER bereits über Norddeutschland weiterzog.

Anekdote am Rande: Der in Österreich verheerende Sturm am 27. Jänner 2008, der fälschlicherweise Sturmtief Paula zugeschrieben wird, entstand ebenfalls aus einer Warmfrontwelle (hier als Randwelle Nr.2 tituliert), die sich von Sturmtief QUITTA (hier südlich von Island zu sehen) abspaltete.

Zusammenfassung:

Sturmtief XAVIER ist aus einer Warmfrontwelle eines Tiefs bei Neufundland entstanden und am 4. Oktober vor Irland als eigenständiges Tief in Erscheinung getreten. Es hat die Britischen Inseln unter leichter Vertiefung überquert und über der Nordsee und Norddeutschland den stärksten Druckfall erreicht. Die Spitzenböen traten gemeinsam mit dem „Sting Jet“ auf, als sich das Wolkenband der eingedrehten Warmfront in sehr trockene Luft auf der Rückseite vermischte und verdunstete. Sting Jets sind mesoskalige Phänomene, die man nicht auf den Klimawandel zurückführen kann. Die frühe Jahreszeit mit belaubten Bäumen und die Tageszeit haben zu Schäden und Todesopfern vor allem beigetragen. Es gab schon wesentlich heftigere Stürme in Norddeutschland. Für den Vertiefungsprozess des Sturmtiefs ist selbst eine etwas überdurchschnittlich warme Nordsee eher von untergeordneter Bedeutung aufgrund der hohen Zuggeschwindigkeit („Schnellläufer“) und der größeren Bedeutung der anderen Antriebsterme aus der „Omega-Gleichung“. Es gibt aus der Vergangenheit keine Beobachtung einer Häufung von Schnellläufern, im Gegenteil. Bei den letzten großen Sturmtiefs über Mitteleuropa (Xynthia 2010, Christian 2013, Emma 2008, Kyrill 2007) handelet es sich allesamt und großräumige Sturmtiefs. Tendenziell zunehmend ist außerdem die Zahl der gradientschwachen Wetterlagen mit geringer Luftbewegung, speziell im Sommer ist dadurch die Anzahl der Tornadolagen in Mitteleuropa rückläufig, die von unwetterartigen Regenfällen hingegen eher zunehmend.