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Über Forscher (in Kooperation mit Meteoerror)

Quelle: Blog | https://meteoerror.wordpress.com ein Medienwatchblog, dessen Schwerpunkt auf der Darstellung meteorologischer Sachverhalte in den Medien liegt. über den Autor: abgeschlossenes Diplom-Studium der Meteorologie & Geophysik in Innsbruck | seit 2010 Berufsmeteorologe | umfassendes Interesse für meteorologische Phänomene wie Föhn, Tornados, Gewitter, Schnellläufer (Stürme), Talwindsysteme | fühlt sich dem Gewissen verpflichtet, über irreführende Darstellungen meteorologischer Sachverhalte in den Medien aufzuklären.

Orkanartige Sturmböen

sturm-symbolAktuelle Meldung auf orf.at, abgerufen am 23.09.2018, 15.25 MESZ

Sturmwarnung für die Nacht

Für die Nacht auf Montag werden orkanartige Sturmböen mit 80 bis 100 km/h für ganz Österreich erwartet. […]

  • Beaufort 9: Sturm (75 bis 88 km/h)
  • Beaufort 10: schwerer Sturm (89 bis 102 km/h)
  • Beaufort 11: orkanartiger Sturm (103 bis 117 km/h)

Korrekt müsste die ORF-Zeile also lauten: „werden teils schwere Sturmböen für ganz Österreich erwartet“, weil 100 km/h noch nicht orkanartiger Sturm implizieren.

Deutsche in Österreich bzw. deutsche Touristen sind eventuell irritiert, weil das von den Windgeschwindigkeiten her nicht zusammenpasst. Tatsächlich ist die Beaufortskala in österreichischen Wettervorhersagen nahezu nicht in Verwendung, sondern stattdessen stark subjektiv gefärbte Windangaben wie „lebhaft“ und „kräftig“.

Folglich decken jene Adjektive, die sonst in der Beaufortskala vorkommen, wie „mäßig“ (Bft 4, 20-28 km/h), „stark“ (Bft 6, 39-49 km/h), „stürmisch“ (Bft 8, 62-74 km/h) sowie „Sturm“ (Bft 9, 75-88 km/h), orkanartig (Bft 11, 103-117 km/h) und Orkan (Bft 12, ab 118 km/h) viel weiter gefasste Windgeschwindigkeitsbereiche ab als in der Beaufortskala definiert.

Als Grund mag man einwenden, dass die Beaufortskala ursprünglich für die See entwickelt wurde und dass in Deutschland über viel größere Flächen einheitliche Windgeschwindigkeiten herrschen als im alpin zergliederten Österreich.

So sind Unterkärnten, die südöstliche Steiermark und das Südburgenland österreichweit klimatologisch den schwächsten Wind zu bieten. 40-50km/h („stark“) werden dort schon als stürmisch empfunden. Im Wiener Becken sind 50-60 km/h („steif“) bei Südostwind (Südföhnlage) lebhaft, 70-80km/h („Sturm“) bei Nordwest übern Wienerwald stürmisch. Ähnliche Differenzen zwischen Wahrnehmung und Beaufort-Definition findet man auch in anderen Regionen. Weil es keine offiziellen Schwellenwerte gibt, hängt es auch noch vom Vorhersager ab, welches Adjektiv zum Einsatz kommt.

Wie Schon Karl Farkas (1893-1971), österreichischer Kabarettist, zu sagen pflegte:

Was Österreicher von Deutschen trennt, ist die gleiche Sprache.

Hervorragend: Die Lehren eines heißen Sommers

Nach langer Zeit wieder ein vorbildlicher Artikel über Wetter & Klima, aber hier merkt man die langjährige Erfahrung und Expertise des Journalisten, der u.a. Physik studiert hat. Der Artikel beginnt mit dem Waldbrand in Brandenburg, der sich als Folge der langen Trockenheit und hohen Temperaturen in diesem Sommer rasant ausbreiten konnte. Er leitet über zur dramatischen Eisschmelze im Norden Grönlands, dessen Meereis lange Zeit als unverwüstlich galt und nun schon zwei Mal dieses Jahr geschmolzen ist. Er weist auf den selbstverstärkenden Effekt der Eisschmelze, weil die freiwerdenden dunklen Meeresoberflächen mehr Wärme absorbieren als die Eisflächen. Weiter geht es mit den sich verringernden Temperaturgegensätzen zwischen Arktis und gemäßigten Breiten, welche den Jetstream antreiben, der sich dadurch abschwächt und zunehmend ortsfeste Wetterlagen bewirkt, heuer die vielen beständigen Hochdrucklagen über Mitteleuropa. [Anm.: in den vergangenen Sommern wochenlang Tiefdruckeinfluss mit den großflächigen Überschwemmungen 2013 und 2016 (Simbach am Inn, Dortmund), aber auch die letzten von beständigem Tiefdruckeinfluss geprägten Winter, infolge nächtlicher Bewölkung kaum strenge Fröste.] Der Artikel beschließt mit der Mahnung, den menschlichen Beitrag zum Kohlendioxid nicht zu leugnen und nicht zu ignorieren und verkündet eine weitere Hiobsbotschaft, nämlich, dass die Freisetzung von Methangas aus auftauenden Permafrostböden weit stärker ist als bisher bekannt war. Methan ist ein viel effektiveres Treibhausgas als Kohlendioxid. Ein weiterer selbstverstärkender Effekt der Klimaerwärmung.

Inhaltlich gibt es von mir nichts zu beanstanden, die Jetstream-Erklärung ist korrekt und wissenschaftlich untermauert. Keine Panikmache, aber angebrachter Alarmismus. Bitte weiter so, Herr Illinger.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, Wochenendausgabe vom 25. und 26. August 2018 (Nr. 195), Titelseite.