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Über Forscher (in Kooperation mit Meteoerror)

Quelle: Blog | https://meteoerror.wordpress.com ein Medienwatchblog, dessen Schwerpunkt auf der Darstellung meteorologischer Sachverhalte in den Medien liegt. über den Autor: abgeschlossenes Diplom-Studium der Meteorologie & Geophysik in Innsbruck | seit 2010 Berufsmeteorologe | umfassendes Interesse für meteorologische Phänomene wie Föhn, Tornados, Gewitter, Schnellläufer (Stürme), Talwindsysteme | fühlt sich dem Gewissen verpflichtet, über irreführende Darstellungen meteorologischer Sachverhalte in den Medien aufzuklären.

Anhaltend Gewitter durch Hochdruckgebiete?

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Abziehendes Hagelgewitter über Salzburg, Blick zum Untersberg und Tennengebirge

Der aktuelle Beitrag im ORF (abgerufen am 09.06.18) über die Häufung von sturzflutartigen Gewittern in Österreich geht in die richtige Richtung …

Wostal verwies in diesem Zusammenhang auch auf eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) aus dem Jahr 2014, wonach die großräumigen Hoch- und Tiefdruckgebiete langsamer ziehen als früher. „Da der Temperaturunterschied zwischen dem Norden und Süden geringer geworden ist, wurden auch die Systeme langsamer“, so Wostal. Die Folge: Wetterlagen wie etwa Hitzewellen halten sich länger.

Zwei Schritte übersprungen, offenbar kann man der österreichischen Bevölkerung wissenschaftliche Erklärungen nicht zumuten. Zum Mitschreiben:

Die Arktisregion erwärmt sich im Rekordtempo, die Eisflächen schmelzen rapide dahin. Dadurch wird weniger Sonnenlicht reflektiert und die Erwärmung beschleunigt sich. In den gemäßigten Breiten bleiben die Temperaturen konstant oder erwärmen sich nur langsam, am Äquator ändert sich nur wenig (das Wasser wird etwas wärmer). Die Temperaturunterschiede zwischen Äquator und Pol verringern sich also insgesamt. Temperatur- und Druckunterschiede treiben durch die thermische Windgleichung den Strahlstrom in der Höhe an („Jetstream“). Dies ist das in unseren gemäßigten Breiten berühmte Westwindband, welches die Tiefdruckgebiete steuert. Wenn der Jetstream schwächelt und schlingert („mäandert“), dann verlangsamt sich einerseits die Strömung, Wetterlagenumstellungen geschehen langsamer, und anderseits blockiert die Strömung völlig oder wird rückwärtsgewandt („retrograd“).

Dies ist in einem fundierten Blogartikel des Atmosphärenwissenschaftlers Judah Cohen näher ausgeführt (Übersetzung):

„Es hat sich herausgestellt, dass diese atmosphärische Konstellation mit einem Jetstream im Norden und Süden und sehr schwachen Winden dazwischen ideal ist, um beständige Wellen an einem Ort festzuhalten und zu vergrößern. Dieser Vorgang wird quasi-resonante Amplifizierung (QRA) genannt. Wenn die QRA auftritt, werden atmosphärische Wellen festgesetzt und bestehen viel länger als normal. Daraus erhöht sich nachfolgend die Wahrscheinlichkeit für Extremwetter wie Hochwasser, Dürre oder Hitzewellen. Aufgespaltene Jetstreams, beständige atmosphärische Wellen und Extremwetter haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten erwiesenermaßen zugenommen.“
Als Schlussfolgerung das Zitat von oben:
Wetterlagen wie etwa Hitzewellen halten sich länger.

Die Argumentation mit der lokalen Temperaturerwärmung würde ich nicht überstrapazieren. Es stimmt zwar, dass wärmere Luft mehr Feuchte aufnehmen kann, aber entscheidend für die Absolutmengen ist die Dauer des Niederschlagsereignisses. Diese ist durch die langsame oder fehlende Zuggeschwindigkeit der Gewitter deutlich erhöht. Und das geschieht derzeit ständig, fast täglich. Es gab dieses Frühjahr bisher nur wenige Lagen mit schnellziehenden Gewittern – eben, weil sich die Großwetterlagen kaum ändern.

Nun aber zum eigentlichen Meteoerror: Im ORF-Text wird zwei Mal etwas von Hochdruckgebieten geschrieben …

Seit Wochen befindet sich Österreich schon im Einflussbereich eines Hochdruckgebiets mit feuchtwarmen Luftmassen aus dem Mittelmeerraum. Was fehlt, sind stärkere Frontensysteme, die einen Luftmassenwechsel einleiten könnten. Zudem weht nur schwacher Südwind.
Häufiger habe man es in heimischen Lagen ja mit Wetterströmungen aus dem Nordwesten oder Westen zu tun, die relativ flott über das Gebiet ziehen, so Wostal. Das sei beim derzeit herrschenden Hochdruckgebiet eben nicht der Fall.

Das ist so falsch oder zumindest nur teilweise richtig. Es steht dort leider nicht, ob man die Druckverhältnisse am Boden oder in der Höhe meint. Ein Bodenhoch unterdrückt jedenfalls Gewitter, die Luft sinkt großräumig ab, wird trockener, es bildet sich eine Temperaturinversion („Deckel auf dem Kochtopf“) aus. Das erklärt nicht, warum es fast täglich kräftig gewittert.

Tatsächlich sorgen die warmen Luftmassen seit April für beständig hohes Geopotential in Mitteleuropa, verbunden mit hoher Nullgradgrenze. In dieses hohe Geopotential sind aber immer wieder kleinräumige Randtröge eingelagert, manchmal auch flache Bodentiefs. Diese sorgen in der Höhe für geringfügige Abkühlung bzw. am Boden für das Zusammenströmen feuchter und energiereicher Luftmassen. Statt von Hochdruckgebieten sollte man hier von Flachdruckwetterlagen sprechen, von Meteorologen umgangssprachlich Barosumpf genannt (weil sich am Boden kaum ausgeprägte Druckdifferenzen zeigen).

Gewitter in Salzburg: Eher Untypisch

In der Lokalzeitung „Salzburger Fenster“, Ausgabe vom 5. Juni 2018, wird auf Seite 6 und 7 der frühe Gewitterauftakt in Salzburg beschrieben.

„Ganz typisch sind die starken Gewitter, die von Bayern hereinziehen, wo feuchte Luftmassen kommen und auf das Gebirge stoßen.“ Diese Gewitterfronten wandern mit der vorherrschenden West-, Nordwestströmung nach Osten, es bauen sich mächtige, bis zu zwölf Kilometer hohe Wolkentürme auf, im Inneren ist es turbulent und eiskalt, Wasser gefriert zu Hagelkörnern. Die „schwarze Wand“ aus Bayern kündigt sich stets mit einer starken Druckwelle an. […]

„Die Sturmböen kommen eine Viertelstunde vorher, oft mit 60, 70 Stundenkilometern. [….] Im Gebirge brauen sich eher lokale Wärmegewitter zusammen. […]

So klassisch dieser Ablauf sonst sein mag, für den Mai ist diese Beschreibung alles andere als zutreffend gewesen. Es gab kein einziges Mal eine Gewitterfront aus Bayern, keine Druckwelle, und die Wärmegewitter scheren sich offenbar nicht um Innergebirgs- und Außergebirgsregionen. Wenn sich dagegen, wie im vergangenen Jahr am 18. August, eine Gewitterfront aufbaut, reicht ein Wert von 70km/h Spitzenböen nicht aus. Damals waren es lokal 150 bis 180 km/h. Üblich sind sonst 90 bis 110km/h. Ich halte die 60-70km/h daher für eine hübsche Untertreibung von bajuwarischen Druckwellen.

Strenggenommen stoßen die Gewitter auch nicht aufs Gebirge, sondern entstehen im bayrischen Alpenvorland, wo bodennah ein feuchter Ostwind weht, und darüber ein trockener Südwind, oft föhnig verstärkt. Typischerweise bilden sich dann ein, zwei heftige Gewitter am Alpennordrand, wo der Föhnwind absteigt und auf den Ostwind trifft. Die Gewitter lösen sich in weiterer Folge vom Alpenrand ab und ziehen rasch ostwärts weiter. Entweder bestand die Gewitterlinie schon vorher oder sie entsteht, weil Gewitter mit fortschreitender Lebensdauer eine immer stärkere bodennahe Auskühlung erzeugen. Dieser Kaltluftpool begünstigt linienhaft angeordnete Gewitter. Und schnellziehende Linien bringen immer Sturmböen.

Nur: Seit Ende April bis einschließlich zum Zeitpunkt dieses Blogeintrags überwiegt das, was der Meteorologe umgangssprachlich Barosumpf nennt: Geringe Luftdruckgegensätze am Boden bei gleichzeitig schwacher Höhenströmung. Weder ausgeprägte Tiefdruckgebiete oder Fronten noch ein deutliches Abtrocknen unter Hochdruckeinfluss. Die Gewitter entstehen dann wie die Luftblasen in einem Kochtopf, scheinbar völlig erratisch mal hier, mal dort. Oft ist am Vortag nicht absehbar, wo es die meisten Gewitter gibt, manchmal bleibt es gänzlich trocken, obwohl die Bedingungen günstig wären. Bei den oben erwähnten Gewitterfronten wäre das anders – diese sind inzwischen sehr gut vorhersagbar, manchmal sogar auf die Stunde genau. Stattdessen mühen wir Meteorologen uns derzeit täglich damit ab, die kommenden 24 Stunden einigermaßen zuverlässig vorherzusagen. Die sehr langsam ziehenden oder über Stunden sogar ortsfesten Gewitter haben zur Folge, dass punktuell enorme Regenmengen fallen, der ganze Monatsoll oder noch mehr. In den vergangenen Wochen waren etliche Orte in Deutschland und Österreich betroffen, mit Mengen über 100 Litern pro Quadratmeter in wenigen Stunden. Weil die Luftmasse feucht in allen Höhen ist, leitet der Strom besonders gut, die Zahl der Blitzeinschläge nimmt zu.

Die ganz typischen Gewitter aus Bayern können wir frühestens ab Mitte/Ende Juni erwarten, sollte die Höhenströmung auf West bis Südwest drehen und dabei an Stärke zulegen.

Den Begriff Wärmegewitter mag ich persönlich nicht so. Er suggeriert, Wärme sei der einzige Auslöser. Tatsächlich herrscht bei nahezu jeder Wetterlage ein gewisses Ausmaß an Tiefdrucktätigkeit in der Höhe vor, die sich nicht immer deutlich in Höhenwetterkarten abbildet. Sie ist aber vorhanden und liefert bei feucht-labiler Luft die dritte Zutat „Hebung“.