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Über Forscher (in Kooperation mit Meteoerror)

Quelle: Blog | https://meteoerror.wordpress.com ein Medienwatchblog, dessen Schwerpunkt auf der Darstellung meteorologischer Sachverhalte in den Medien liegt. über den Autor: abgeschlossenes Diplom-Studium der Meteorologie & Geophysik in Innsbruck | seit 2010 Berufsmeteorologe | umfassendes Interesse für meteorologische Phänomene wie Föhn, Tornados, Gewitter, Schnellläufer (Stürme), Talwindsysteme | fühlt sich dem Gewissen verpflichtet, über irreführende Darstellungen meteorologischer Sachverhalte in den Medien aufzuklären.

Hurrikan PABLO – noch nie soweit östlich!

pablo-0715z

EUMETSAT RGB – 27-10-2019, 08:15 MEZ –
Quelle: https://eumetview.eumetsat.int/mapviewer/

Wieder ein Beispiel dafür, dass für die Bildung eines Tropensturms auch kaltes Ozeanwasser ausreicht. Um 8.15 MEZ hatte es 20°C Wasseroberflächentemperatur und ein deutlich sichtbares Auge von Tropensturm PABLO in den Satellitenbildern. Das kräftige Tief am linken Bildrand wird sich noch zum ausgedehnten Sturmwirbel verstärken und Ex-PABLO am Montagabend einfangen. Spätestens dann verliert PABLO seine tropischen Eigenschaften. Richtung europäisches Festland zieht PABLO aber nicht, sondern bleibt ein Fischsturm.

Spannend könnte aber das Schicksal des Sturmwirbels werden, dessen warmer Okklusionskern ab Montag für rund 48 Stunden ortsfest bleibt. Das Wasser ist dort nur 18-20°C warm, aber wie schon bei PABLO ist die Höhenkaltluft recht markant. Ein Tropensturm oder Subtropensturm erscheint denkbar. Danach verlagert sich das System mit der beschleunigten Verlagerung der Rossby-Wellen nordostwärts, die Höhenwinde nehmen zu und der etwaige konvektive Wirbel wird immer asymmetrischer.

Tropical Storm Pablo Discussion Number   7
NWS National Hurricane Center Miami FL       AL182019
500 AM AST Sun Oct 27 2019

Microwave satellite imagery indicates that Pablo has maintained a
small mid-level eye feature for at least the past 18 hours, and
the eye has also been evident in infrared imagery for the past 6
hours. The most recent Dvorak satellite intensity estimate was T3.0,
which was held down due to constraints even though the eye pattern
supports an intensity of 65 kt. Latest UW-CIMSS objective ADT and
SATCON intensity estimates are T4.4/75 kt and 64 kt, respectively.
Based on a blend of the TAFB and UW-CIMSS values, along with the
5- to 8-nmi-diameter eye, the intensity has been increased to 60 kt,
which could be conservative due to the the cyclone's relatively fast
forward speed.

Pablo has continued to accelerate and the initial motion estimate is
now 045/35 kt. The latest model guidance remains in good agreement
that during the next 48 hours, Pablo should slow down while making a
counter-clockwise track around the northeastern periphery of the
larger extratropical low that the small cyclone is embedded within.
The tightly packed guidance suite has shifted to the right of the
previous advisory track, and the new NHC forecast track has been
adjusted in that direction, close to the various consensus models.

Pablo is currently located over 20 deg C sea-surface temperatures
(SST), with colder water near 15 deg C ahead of the cyclone. Model
forecast soundings indicate that mid- and upper-level temperatures
will be warming, and when combined with the cooler SSTs, will result
in stabilization of the troposphere. This will cause convection to
steadily weaken and erode by 12 h, resulting in Pablo degenerating
into a post-tropical extratropical low pressure system in 24 h, if
not sooner. The small cyclone is forecast to dissipate or become
absorbed by the larger parent extratropical low in the 48-72 h
forecast period.

https://www.nhc.noaa.gov/text/refresh/MIATCDAT3+shtml/270233.shtml?

Der letzte Tropensturm, der so spät am Nordatlantik entstand, war RINA am 6.11.2017 östlich von Neufundland, davor Hurrikan OPHELIA am 09.10.2017, der östlich der Azoren noch zum Major Hurricane (Cat.3) wurde.

7 Stunden später besitzt PABLO immer noch ein ausgeprägtes Auge und wurde vom NHC zum Hurrikan hochgestuft, mit 65kt im Mittel und 983 hPa.

Hurricane Pablo Discussion Number   8
NWS National Hurricane Center Miami FL       AL182019
1100 AM AST Sun Oct 27 2019

Satellite imagery shows that Pablo has continued to maintain a
small eye, and that the eyewall cloud tops have recently cooled.
In addition, early morning microwave satellite intensity estimates,
as well as the CIMSS satellite consensus, indicate that Pablo has
become a hurricane.  The initial intensity is increased to 65 kt as
a blend between the subjective estimate from TAFB and the higher
SATCON estimate, and it is possible this is a little conservative.
The intensification has occurred while Pablo is over sea surface
temperatures of 19-20C, and it is likely that cold mid- to
upper-level air temperatures have allowed the cyclone to maintain
deep convection and strengthen over water temperatures where
tropical cyclones normally weaken.

Quelle: https://www.nhc.noaa.gov/text/refresh/MIATCDAT3+shtml/271450.shtml?

Es handelt sich um den östlichsten Hurrikan (18.3°West) seit Aufzeichnungsbeginn, der alte Rekord von Hurrikan VINCE im Jahr 2005 (18.9°West) wurde damit gebrochen. 500 hPa Temperatur ca. -14°C – eigentlich zu warm für hochreichende Konvektion.

14_atl

Wasseroberflächentemperatur (°C) im Nordtlantik, 26.10.2019
(Quelle: https://www.nhc.noaa.gov/sst/ )

 

In die deutschsprachigen Medien hat PABLO bis heute morgen übrigens keinen Eingang gefunden.

Hurrikan Lorenzo rast auf Europa zu?

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Hurrikan LORENZO am 30.September 2019 südwestlich der Azoren, Quelle: Kachelmannwetter

Hurrikan LORENZO tourt durch die Medien als Rekord-Hurrikan. Nicht zu Unrecht. Noch nie seit Beginn der Satellitenära wurde ein so starker Hurrikan (Cat.5) und gleichzeitig ein so niedriger Kerndruck (929mb) östlich von 50°W registriert. LORENZO erreichte Stärke 5 auf 45°W und brach dem alten Rekord von Hurrikan HUGO (1989) mit 54,6°W. Zum Zeitpunkt dieses Beitrags hat sich LORENZO deutlich auf Stärke 2 abgeschwächt (962mb Kerndruck), hält aber weiter Kurs auf die Azoren. Nach allen Modellen wird LORENZO in Hurrikanstärke über die Azoren hinwegfegen. Dabei sind Spitzenböen über 200 km/h möglich. Bislang erreichte der stärkste Hurrikan auf den Azoren maximal 168 km/h (Nr. 8 am 26. September 1926).

In den Medien wird die Auswirkung von Hurrikan LORENZO allerdings etwas zu dick aufgetragen. Ja, die Azoren gehören zu Europa. Nein, Lorenzo bedroht nicht ganz Europa. Genau das suggerieren aber zahlreiche Zeitungsberichte. Zum Abschluss meiner Presseschau folgt ein Positivbeispiel.

Im Text weiter unten wird die Schlagzeile dann aber relativiert.

„Die Bilder der Zerstörung, die Hurrikan „Dorian“ in der Karibik angerichtet hatte, sind noch in guter Erinnerung. Nun steuert Hurrikan Lorenzo auf europäisches Festland zu. “

[…] Am Freitag könnte – sollte der Hurrikan seine Nordost-Zugrichtung beibehalten – der Sturm Irland mit voller Wucht erreichen. […]

Das ist sachlich falsch. Wenn LORENZO Irland erreicht, ist es kein Hurrikan mehr, demzufolge würde es Irland auch nicht mehr mit voller Wucht treffen. Ob man Irland zum europäischen Festland zählen kann, darüber dürfen Geographen streiten. Die Azoren zählen jedenfalls definitiv nicht mehr dazu.

Obwohl der Artikel vom 30.09. ist, ist weiterhin von Kategorie 5 die Rede. Dabei hat sich der Hurrikan längst auf Kategorie 2 abgeschwächt.

Das europäische Festland dürfte von Lorenzo verschon werden. Wenn der Hurrikan Ende der Woche auf Großbritannien und Irland trifft, sollte er sich weitgehend abgeschwächt haben. Dennoch wird es an den Küsten in Europas Norden Orkanböen geben.

Leider ist auch das sachlich wieder falsch. LORENZO ist kein Hurrikan mehr, wenn er auf Großbritannien und Irland trifft. Das zeigen die offiziellen Prognosen des National Hurrican Centers (NHC) seit vielen Tagen.

lorenzo-nhc

Prognose des NHC. Rot markiert der Hurrikan-Status, schwarz das außertropische Sturm/Orkantief

Die reißerischsten Schlagzeilen stammen aber von watson.ch, einem Schweizer Nachrichtenportal, dem mehrere Zeitungen gehören. So titelt z.b. die …

Wird Lorenzo auch auf europäisches Festland treffen?

Voraussichtlich schon. Nachdem er die Azoren hinter sich gelassen hat, wird er laut aktuellen Berechnungen in Richtung britische Inseln und Irland ziehen und dort im Südwesten am Freitag als Tiefdruckgebiet noch teils stürmische Winde und grössere Niederschlagsmengen mit sich bringen.

siehe oben. Natürlich ist auch ein Hurrikan ein Tiefdruckgebiet, die wichtige Unterscheidung ist hier tropisch versus außertropisch. Ein Tropensturm besitzt keine Fronten, ein normales Sturmtief schon.

Die folgenden 3-stündigen Niederschläge sind dem GFS-06z-Lauf entnommen, gelten aber auch noch mit den neuesten Modelldaten. Sie zeigen ein symmetrisches Niederschlagsfeld mit Auge am Dienstagmorgen (6z) westlich der Azoren. LORENZO ist weiterhin ein Hurrikan. Die Umwandlung in ein außertropisches Sturmtief beginnt bereits im Laufe des Dienstags, wenn sich LORENZO den Azoren nähert. Dienstagabend (21z) lassen sich bereits Fronten erkennen, der Kernbereich ist immer noch rund mit Andeutung eines Auges. LORENZO wird wahrscheinlich noch knapp Hurrikan-Status aufweisen. Anders Mittwochmittag (12z), wenn LORENZO schon nördlich der Azoren liegt. Die Kaltfront läuft weit aus dem Hauptwindfeld heraus in das Hochdruckgebiet hinein, daher schwächen sich die Niederschläge (und der Wind) deutlich ab. Lorenzo wird zu diesem Zeitpunkt vom NHC wahrscheinlich nicht mehr als Hurrikan klassifiziert werden. Definitiv zu Ende wird es Donnerstagvormittag sein (9z), wenngleich die neuesten Modellläufe jetzt eine Variante zeigen, bei der Ex-LORENZO unter starker Abschwächung über die Britischen Inseln weiter zur Nordsee zieht.

lorenzo-fronten

Niederschlagsprognosen des Global Forecast Systems (GFS), 06z-Lauf

12zlauf

GFS 12z-Lauf für Freitag, 02 MESZ

Das europäische EZWMF-Modell zeigt eine ähnliche Entwicklung. Demnach ist LORENZO bis Donnerstagabend schon vollständig okkludiert, bevor er die Nordsee erreicht.

Um die Frage von oben zu beantworten: Schon beim Durchzug der Azoren setzt die Umwandlung in außertropisches Orkantief mit Frontenbildung ein. Bis Irland ist LORENZO schon deutlich außertropisch, und bis er das europäische Festland erreicht, was noch unsicher ist, ist er schon lange kein Sturmtief mehr.

Ein Hurrikan in Europa? Wie kann das sein?

Das ist tatsächlich etwas aussergewöhnliches

Wenn man die Azoren zu Europa zählt, ist es nicht so ungewöhnlich.

  1. Hurrikan LESLIE (2018) zog am 13. Oktober knapp nördlich an Madeira vorbei und erreichte als außertropisches Sturmtief (Shapiro-Keyser-Zyklone) Portugal.
  2. Hurrikan OPHELIA (2017) zog am 14. Oktober knapp südlich an den Azoren vorbei, erreichte Stärke 3 auf 27.7°W – noch nie so weit östlich.
  3. Hurrikan GORDON (2012) traf am 19. August auf die südlichen Azoren als Cat 2, der sich rasch abschwächte.
  4. Tropensturm ROLF** (2011) wird am 08.Oktober erstmals in der Geschichte des NHC als solches im Mittelmeerraum klassifiziert.
  5. Tropensturm GRACE (2009) bildete sich am 05. Oktober auf dem Ostatlantik und erreichte Irland unter Auflösung am 06. Oktober.
  6. Hurrikan GORDON (2006) überquerte die Azoren am 20. September.
  7. Hurrikan VINCE (2005) lag am 09.Oktober westlich von Madeira und erreichte noch als Tropensturm Portugal am 11. Oktober
  8. Tropensturm DELTA (2005) erreichte am 24.November südwestlich von den Azoren fast Hurrikanstärke und zog dann zwischen Madeira und den Kanaren durch.
  9. Hurrikan DEBBIE (1961) überquert die Azoren am 15.September und erreicht als außertropisches Orkantief Irland mit Spitzenböen mit Spitzenböen von 183 km/h.

** Tropenstürme im Mittelmeer werden auch Medicanes genannt. Eine umfangreiche Präsentation zu diesem Thema gibt es von Groenemeijer & Holzer (2013).

Zurück zu den Schlagzeilen. Den Vogel schießt die deutsche „futurezone“ ab:

In Europa ist einiges los: Lorenzo, der Rekord-Hurrikan 2019 zieht Richtung Portugal. Und auch in Deutschland wird es heftig stürmen und regnen.

Wenn du dachtest, seit Florence sei es mit den Wirbelstürmen in diesem Jahr vorbei, hast du falsch gedacht. Mit Lorenzo rast ein Rekord-Hurrikan 2019 auf Europa zu – und auch in Deutschland wird es stürmisch. Aber sind wir hierzulande wirklich in Gefahr?

Das suggeriert, LORENZO träfe als Cat 5 auf das portugiesische Festland. Ebenso suggeriert es einen Zusammenhang zwischen dem Sturmtief (MORTIMER) in Deutschland und dem Hurrikan.

Ein Hurrikan 2019 mit Namen Lorenzo wird vermutlich am Mittwoch die Azoren – und damit Europa – erreichen. Das könnte heftiger werden als jeder Hurrikan, den Europa je erlebt hat. Schließlich ist es bereits ein Hurrikan der höchsten Stufe 5.

Weiter unten im Text wird dann wieder relativiert, dass er sich zwischenzeitlich deutlich abgeschwächt hat.

Voraussichtlich wird Lorenzo, Rekord-Hurrikan 2019, nach den Azoren in Richtung der britischen Inseln ziehen, wie auch das Portal Blick berichtet. Am Freitag könnte er als Tiefdruckgebiet stürmische Winde und große Niederschlagsmengen bringen. Dann allerdings soll er über dem Nordatlantik verschluckt werden und zerfallen.

Was für die Britischen Inseln jetzt nicht so ungewöhnlich wäre….

Im schlimmsten Fall könnte er sich jedoch statt nach Nordosten zu ziehen weiter nach Osten drehen – womit er auf Europas Festland und möglicherweise auch auf Deutschland treffen könnte. Sollte dieser Fall eintreten, wird Lorenzo aber sehr wahrscheinlich an Geschwindigkeit verlieren.

No shit! Aus heutiger Sicht wird Ex-Hurrikan LORENZO Irland als Orkantief mit rund 955 hPa treffen. Wenn er auf Deutschland trifft, wären es noch knapp 1000 hPa. (Quelle: EZWMF 12z).

Positivbeispiel des Tages: DiePresse am 30. September 2019

Gratulation an dieser Stelle an den Presse-Redakteur, von allen Zeitungstexten, die ich gelesen habe, ist dieser an allen Stellen fachlich korrekt, wohltuend unaufgeregt und bringt noch dazu ein paar aussagekräftige Beispiele für frühere Tropenstürme.