Kategorie-Archiv: Faszination Wetter [Blog]

Um nicht dauernd auf das Copyright hinweisen zu müssen: Daten stammen von NOAA, NCEP, wetterzentrale.de, wetter3.de und anderen

Der Klimahype geht nicht vorüber

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Alpen-Margerite (Leucanthemopsis alpina) am Saykogel (3355m) – neuer Höhenrekord für diese Pflanzenart? – Juli 2018 (#picbyme)

Der regelrechte Hass, der Greta Thunberg, der FridayforFuture-Bewegung und den Grünen entgegengebracht wird, entsteht durch die Konfrontation mit den Privilegien, mit denen unser Planet zerstört wird. Es ist selbstverständlich ein Auto zu besitzen und zu so oft wie möglich zu fahren. Es ist selbstverständlich (in Deutschland), auf der Überholspur ohne Tempolimit rasen zu können. Es ist selbstverständlich, einen SUV zu kaufen, weil er so bequem ist, und nicht, weil man in der Stadt so ein Auto unbedingt bräuchte. Es ist selbstverständlich, billig in die weite Welt fliegen zu können. Für 20 Euro innerhalb Europa, so günstig ist kein Zugticket, nicht einmal ein Regionalticket. Vielleicht drei Monate im voraus. Es ist selbstverständlich, Kleidung zu erwerben und Lebensmittel zu konsumieren, die in Drittländern hergestellt und durch die halbe Welt ressourcenfressend zu uns geschifft werden, meist durch Ausbeutung und moderne Sklaverei von Niedriglohnempfängern bis hin zu Kinderarbeit. Den Entwicklungsländern und Schwellenländern dürfen wir Fortschritt nicht zugestehen, denn wenn deren Lebensqualität und Löhne steigen, wird unser Konsum teurer. Wir müssen, um die Klimaschutzziele von Paris zu erreichen, sogar mehr tun, damit die wirtschaftliche Entwicklung der Entwicklungs- und Schwellenländer nicht gebremst wird. Wir dürfen aber nicht gar nicht zulassen, dass ärmere Länder mit sukzessiver Anpassung an westliche Verhältnisse den gleichen Fehler begehen wie wir und doch steuern wir genau dahin, wenn wir unseren Luxus wie ein Statussymbol vor uns hertragen und uns nicht dafür schämen, wenn wir jährlich Tonnen an Lebensmitteln wegwerfen, wenn wir Wochenendflüge machen, um anderswo einzukaufen, für materiellen Schrott, den wir in unserer Wohnung anhäufen, weil wir glauben, darauf käme es an. Natürlich wollen auch viele Millionen ärmere Menschen den gleichen verschwenderischen Lebensstil führen wie der reiche Westen, statt einen nachhaltigen Lebensstil zu führen, der Generationen voraus denkt. Das kann man aber nicht von denen verlangen, die bisher nie eine Chance hatten, einen Lebensstil mit mehr Lebensqualität zu führen. Es heißt auch so oft, FridaysforFuture denkt zu einseitig, die soziale Frage müsse mitberücksichtigt werden, doch ist das Aufgabe der Politik, dazu gibt es Volksvertreter in den Parlamenten, und weiß Gott genügend kluge Köpfe, die beides berücksichtigen können – technologischer Fortschritt und sozial gerechte Verteilung. Der politische Wille fehlt, die Sesselkleberei ist wichtiger.

Wie ihr dazu steht, sei euch unbenommen – Fakt ist, dass wir die meisten Kipppunkte bereits überschritten haben, jetzt geht es nur noch um Schadensbegrenzung. Vor rund 20 Jahren hat der IPCC die sogenannten Kipppunkte, also irreversible Prozesse, erstmals definiert, und zwar ab einer globalen Erwärmung über 5 Grad. Schon 2003, beim vorletzten IPCC-Bericht, war die Reaktion sehr lau. Es gab keine FridaysforFuture-Bewegung und keinen Aufschrei in social networks mangels social networks (ich schreib das bewusst auf Englisch, weil social hier gesellschafts- und nicht sozial bedeutet). In den neuen IPCC-Berichten von 2018 und September 2019 wird der Schwellenwert bereits zwischen 1 und 2 Grad Celcius angenommen. Aktuell steuern wir auf 4-5 Grad zu, das Maximum der Treibhausgasemissionen ist noch lange nicht erreicht.

Die Westantarktis ist bereits irreversibel instabil geworden und wird wahrscheinlich kollabieren. Das alleine bewirkt rund drei Meter Meeresspiegelanstieg. Auch die Ostantarktis ist ähnlich instabil und addiert weitere drei Meter Anstieg. Der Schmelzprozess des Grönlandeis beschleunigt derzeit rapide, das fügt weitere 7 Meter hinzu. Das Problem ist aber nicht nur der steigende Meeresspiegel, der sich in einem Zeitraum von Jahrhunderten erstrecken und damit noch bewältigbar sein wird, sondern auch der Dominoeffekt, wenn weitere Systeme kollabieren, wie auftauender Permafrost, brennende Wälder, zerstörter Regenwald, abschwächender Golfstrom. Weiteres Kohlendioxid und Methan wird freigesetzt, was die Erwärmung selbst verstärkt. Das globale Ökosystem kommt unter Druck, wenn die Erwärmung und Versauerung der Meere zum Korallensterben führt, zum Massensterben der marinen Lebewesen, der Insekten am Land, usw. Die aktuellen Kohlendioxidwerte in der Atmosphäre haben Werte erreicht, die zuletzt vor 4 Millionen Jahren bestanden, derzeit steigen sie weiter in Richtung von Werten, die gemeinsam mit einer um 14 Grad wärmeren Erdtemperatur auftraten.

Ein Beispiel von gegenseitigen Verstärkungen erwähnt der oben verlinkte Artikel:

Der Verlust des arktischen Meer verstärkt die regionale Erwärmung, und gemeinsam mit dem Schmelzen des Grönlandeis strömt vermehrt Süßwasser in den Nordatlantik. Das könnte zur Verlangsamung des Golfstroms seit den 50er Jahren beigetragen haben, bzw. der AMOC (Atlantic Meridional Overturning Circulation), die eine Schlüsselrolle beim globalen Wärme- und Salztransport durch den Ozean spielt. Das kann den Westafrikanischen Monsun destabilisieren, was Dürren in Afrikas Sahelzone auslöst. Es kann auch das Amazonasgebiet austrocknen, den ostasiatischen Monsun unterbrechen und verstärkte Hitze im südlichen Ozean auslösen, was den Verlust des Antarktiseis beschleunigt. Der berühmte Schmetterlingsflügelschlag also.

Wirklich erschütternd ist für mich als studierter Meteorologe eigentlich nur, dass die nichtlinearen Verbindungen der einzelnen Systeme nicht in frühere Berechnungen eingeflossen sind, und – falls das rechnerisch nicht möglich war – nicht zumindest deutlicher geäußert wurden. Jetzt scheint es sehr logisch, dass, wenn ein System kippt, die anderen wie Dominosteine umfallen und alles in Richtung eines dauerhaft heißen Planeten geht. Der anthropogene Anteil ist groß genug, um die Kipppunkte zu überschreiten – den Rest besorgt dann die Natur selbst. Selbst wenn der Anteil auf Null reduziert würde, wäre der natürliche Prozess nicht mehr aufzuhalten. Die Umkehr läge nicht mehr in unserer Hand. Aber wen kümmert das, morgen ist Konsumtag, Black Friday, und uns interessiert nur, wie wir teuren, ressourcenfressenden und schwer recyclbaren, geschweige denn entsorgbaren Elektroschrott möglichst billig in unseren Besitz bringen können. Unterdessen zerstören sich ehemalige Volksparteien selber und überlassen den handlungsunwilligen anderen Volksparteien das Zepter.

Hochwasser und Italientiefs: Fundierte Erklärungen fehlen

Venedig

Der Pegelstand lag mit 187cm nur 7cm unter dem Stand vom 4.11.1966. Insgesamt sind seit Bau des Markusdoms in Venedig nur fünf Hochwässer bekannt, die höher waren, die dritte Flut erreichte vergangenen Freitag nochmals 154cm. Für Acqua Alta muss eine kräftige Südostströmung das Wasser in die Bucht hineindrücken. Der Meeresspiegel steigt vor allem wegen der schmelzenden Polkappen und weil die Ozeane generell wärmer werden. Wärmeres Wasser dehnt sich stärker aus, auch dadurch steigt der Meeresspiegel an. Für den Fall, dass eine kräftige Südostströmung (Scirocco) vorherrscht, fällt das Hochwasser also tendenziell infolge der Klimaerwärmung stärker aus als früher. Nun gibt es aber auch kritische Stimmen, die sagen, dass das Rekordhochwasser in Venedig hausgemacht sei, etwa Petra Reski. Die Lagune wurde für Öltanker und Kreuzfahrtschaffe ausgebaggert, seitdem dringt das Wasser schneller und stärker in Venedig ein. Zudem sinkt Venedig sukzessive ab, weil das Grundwasser abgepumpt wird. Die Hochwasserschleuse MOSE wird seit 13 Jahren gebaut und ist noch nicht fertig, die Schleusentore sind bereits verrottet.

Niederschlagsmengen an der Alpensüdseite

In Heiligenblut (1288m), Kärnten, fielen dreieinhalb Meter Schnee. Die Alpensüdseite erlebt ein déjà vu der massiven Nordstaulage in den ersten zwei Jännerwochen. Nur seitenverkehrt. Und weil eben nicht der Großteil als Schnee fällt, sondern zeitweise in Regen überging, sind die Auswirkungen viel verheerender. Bei sechs Mittelmeertiefs seit Anfang November fielen 300 l/qm in Ulten und Sexten (Südtirol). Zwischen Samstag, 16.11. und Dienstag, 19.11, fielen in Osttirol und Oberkärnten verbreitet 100 bis 200 l/qm. In Lienz sind es normal im gesamten November 91 l/qm. Ungewöhnlich auch die Mengen im Südstau (!) im Pinzgau, mit 80 l/qm in Saalfelden, 113 l/qm in Rauris und 108 l/qm in Bad Gastein und 164 l/qm am Sonnblick.

Auch die Schneehöhen können sich sehen lassen. Am 18.11. lagen in …

Weißbrunn/Ultental 130cm
Pfelders/Passeiertal 126cm
St Jakob/Defereggental. 114cm
Kasern/Ahrntal 110cm
Obergurgl 106 cm
Brenner 75 cm
Sillian 73 cm

Fatal sind neben den gewaltigen Regenmengen auch die zwischenzeitlichen Regenphasen mit steigender Schneefallgrenze. Der nasse, schwere Schnee bildet mächtige Grundlawinen, die alles mitreißen, Erdboden, Felsen, Bäume, und eben auch Bahnstrecken, Straßen und Häuser. Hinzu kommt vor allem in Osttirol und Oberkärnten, dass Tief VAIA im Oktober 2018 ganze Wälder zerstört hat, die nun ihre Schutzwaldfunktion verloren haben.

Hier am Beispiel Mörtschach

Am 26. Oktober 2018 war der Nadelwald (linke Bildhälfte) noch intakt.

26-okt

Am 31. Oktober 2018 liegt der Wald komplett.

31-okt

Am 18.11. 2019 sind unterhalb der beschädigten Waldflächen zahlreiche kleinere Lawinenabgänge, Fischmäuler und Rutschungen zu sehen.

18-nov

Auch in Hopfgarten sind ganze Hänge instabil…

Der Grund für die intensiven Regenfälle im Pinzgau ist die hohe Labilität beim Ereignis vom 17. auf den 18.11.2019.

radarbild

Sichtbarer Kanal, 15.00 MEZ und 24-Stunden-Blitzdichte über Italien

Sonst wird Südstau eher durch eine Tiefvorderseite verursacht, das Bodentief sitzt dann über Frankreich. Die Schichtung ist stabil, der Stau endet am Alpenhauptkamm. Die Föhnmauer kommt nur wenige Kilometer ins Lee voran.

rgb-analyse

Luftmassen-Satellitenbild (RGB) + 700 hPa Thetae, Quelle: http://eumetrain.org/ePort_MapViewer/index.html (neu)

Hier saß das Bodentief über Oberitalien bzw. Norditalien, die Kaltfront (hier: split front, mit einer Höhenkaltfront über der Oberen Adria und einer Bodenkaltfront weiter westlich) lang in der Südströmung und verlagerte sich über Stunden hinweg kaum. Damit konnte warme und sehr labil geschichtete Luft vom zentralen Mittelmeerraum über die Adria bis an die Alpensüdseite geführt werden. Labile Luftmassen haben die Eigenschaft, dass ihnen die Berge wurscht sind, wenn die Strömung nur kräftig genug ist, und das war sie bei mittlere Windgeschwindigkeiten von 50-60kt in 3000m und über 80kt in 9000m. Die Gewitter verlagern sich also über den Alpenhauptkamm, als gäbe es ihn nicht. Sie verlieren ihre Funktion als Wetterscheide, die Föhnmauer ragt in Wahrheit bis in die Nördlichen Kalkalpen. Und so gewitterte es mittags auch im Steinernen Meer oberhalb von Saalfelden. In Osttirol und Oberkärnten gab es immer wieder Schneegewitter, alleine am Plöckenpass fielen innerhalb sechs Stunden über 100 l/qm.

Womit ich aber nicht einverstanden bin, ist die laue Erklärung auf der ORF-Seite (abgerufen am 20.11.19, 23.17). Das ist Kindergartenmeteorologie, sorry.

Das Problem sei, dass sich derzeit warme Luft aus dem Süden und kältere Luft aus dem Norden über dem Mittelmeer vermische und so Tiefdruckgebiete entstünden. „Die Alpen stehen dann da wie eine Staumauer, man spricht dann auch vom Südstau. Das Tiefdruckgebiet kann sich also nicht weiter nach Norden bewegen und sorgt stattdessen zwischen Lienz in Osttirol und Venedig für die starken Niederschläge der vergangenen Tage.

Hier werden zwei Prozesse miteinander vermengt. Das eine ist die Südströmung, die von den Alpen (teilweise, s.o.) blockiert wird und somit die enormen Regenmengen erzeugt. Die labile Luftmasse mit eingelagerten Gewittern ist übrigens essentiell, um hohe Niederschlagsraten von 15-20 Liter pro Stunde zu erhalten, wie sie am 17.11., aufgetreten sind. Wenn das Meer durch die Klimaerwärmung immer wärmer wird, sinkt übrigens auch die statische Stabilität, die ein Kehrfaktor in der Hebungsgleichung ist. Sie bewirkt, dass die Aufwärtsbewegung der Luft noch stärker wird, was zu großräumigen Druckfall führt und bestehende Tiefdruckgebiete verstärkt. Der dritte Faktor, dass die Luftmassen derzeit wärmer sind als im Durchschnitt und wärmere Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen und damit potentiell mehr Niederschlag erzeugen. Das andere ist die Position des Bodentiefs. Dessen Verlagerung wird vom zugehörigen Höhentief gesteuert, und das sitzt seit etlichen Tagen immer wieder über Frankreich bzw. Westalpen:

rgb-300hpa

RGB + 500 hPa Geopotential, 17-11-2019, 13lct

Es sitzt da aber nicht fest, weil die Alpen im Weg sind. Die Alpen sind dem Höhentief in über 5km Höhe herzlich egal, sondern es sitzt da, weil die Großwetterlage sehr stabil ist, und die Stabilität der Großwetterlage hängt wiederum von den sogenannten Rossby-Wellen ab.

jetstream

Durchschnittliche Position des Jetstreams für die Nordhalbkugel am 17.11.2019, Quelle: Institut für Klimafolgenforschung, Potsdam

Das Starkwindband in 9km Höhe verläuft recht geradlinig (zonal) über Russland, Sibirien, Nordpazifik und Nordamerika. Bei Grönland erfährt es eine deutliche Meridionalisierung mit je einem Trog vor Neufundland und über Mitteleuropa. Die Ausbuchtung nach Norden hat die Form des griechischen Buchstaben Omegas, man nennt so eine Lage auch Omegalage, die allgemein als stabil gilt.

Und der Grund für die Stabilität dieser Omegalage ist in den Rossbywellen begründet:

Zwischenablage01

Skizze von Meteoschweiz

Der Blogartikel von der MeteoSchweiz erklärt die Rossbywellen vorbildlich: Kleine Wellen verlagern sich ostwärts, vor allem tun sie das relativ zügig. Es bringt die klimatologisch typische Westwetterlage, die vor allem in den 90er Jahren zahlreiche schwere Stürme über Europa verursacht hat. In den letzten Jahren ziehen immer seltener großräumige Orkane über Mitteleuropa hinweg, eher kleine, aber giftige Sturmtiefs (Xavier 2017, Friederike und Fabienne 2018), dafür werden die Wellen immer länger und größer, und diese neigen dazu, längere Zeit ortsfest zu bleiben.

Und so schließt sich der Kreis: Seit Anfang November haben wir wenige, aber große (Rossby-)Wellen, die bewirken, dass sich immer wieder Kaltluftvorstöße ins Mittelmeer ereignen, die dort Tiefdruckgebiete entstehen lassen, auf deren Vorderseite milde und labil geschichtete Luftmassen gegen die Alpen gestaut werden. Die Wettermodelle zeigen jetzt aber eine Rückkehr zu „kleinen Wellen“ und zumindest um den Monatswechsel herum könnte sich die Großwetterlage dann umstellen.

Mein Appell: Haltet den Leser nicht für dumm. Nehmt Euch ein Vorbild an der MeteoSchweiz. Wenn man so anspruchslose Erklärungen wie oben liest, darf man sich nicht wundern, dass viele Menschen im Land die Klimaerwärmung nicht verstehen, geschweige denn ernstnehmen.