Kategorie-Archiv: Faszination Wetter [Blog]

Um nicht dauernd auf das Copyright hinweisen zu müssen: Daten stammen von NOAA, NCEP, wetterzentrale.de, wetter3.de und anderen

Ein Tornado ist ein Tornado ist ein Tornado

Jedes Jahr das gleiche Theater….

„Fast-Tornado“ in Tübingen

Am Sonntagabend hat sich über dem westlichen Tübinger Kreisgebiet eine Windhose entwickelt. An der Unterseite einer Gewitterzelle bildete sich für wenige Minuten ein dünner Wolkenschlauch, der beim Rammert kurz den Boden berührt haben könnte. Bei Bodenkontakt wäre es ein Tornado. (GEA)

Quelle: https://www.gea.de/neckar-alb/kreis-tuebingen_artikel,-ungew%C3%B6hnlich-ein-fast-tornado-%C3%BCber-dem-rammert-_arid,6066446.html

Die Trichterwolke bzw. der Wolkenschlauch ist bloß der sichtbare Teil des rotierenden Wirbels. Von Tornado spricht man dann, wenn der Wirbel den Boden berührt. Das ist als Faustregel schon dann der Fall, wenn der Wolkenschlauch zwei Drittel des Weges zum Erdboden zurückgelegt hat. Tornadoexperten gehen allerdings davon aus, dass der bodennahe Wirbel oft schon vorhanden ist, sobald sich der Wolkenschlauch bildet. Er ist dann nur zu schwach, um Spuren oder Schäden zu hinterlassen. Der Fast-Tornado kann also in Wahrheit schon ein Tornado gewesen sein. Ohne Angabe des genauen Ortes, um mögliche Verwirbelungen zu erkennen, ist das aber nicht nachprüfbar.

„Mini-Tornado“ in Salzburg gesichtet

Die Unwetter haben ganz Österreich in den letzten Tag fest im Griff. Im Salzkammergut filmte ein „Heute“-Leser am Sonntagnachmittag eine spektakuläre Windhose […]

Quelle: http://www.heute.at/community/leser/story/-Mini-Tornado–in-Salzburg-gesichtet-49241317

Hier werden Äpfel und Birnen vermischt, typisch Sensationspresse. Ich war an diesem Tag in der Nähe am Zwölferhorn mit Blickrichtung Bad Ischl.  Vor 17.30 MESZ war überhaupt kein Gewitter in der Nähe, und das was kam, war eine kleine Gewitterlinie ohne Rotation innerhalb der einzelnen Gewitterzellen. In den 22 Sekunden sieht man hingegen klar, dass noch die Sonne geschienen hat. Es handelt sich also um das, was landläufig Heuteufel genannt wird, ein rotierender Wirbel, der durch die Überhitzung des Bodens entsteht, und nicht, wie bei Tornados, im Beisein einer konvektiven Wolke (Schauerwolke, Gewitterwolke). Dazu passt auch das Himmelsbild nicht. Satellitenbilder zeigen außerdem, dass der Ambosschirm der Gewitter schon lange vorher den Himmel vollständig bedeckte, sodass zum Zeitpunkt des angeblichen Tornados keine Sonneneinstrahlung hätte mehr vorhanden sein dürfen. Es handelt sich also um eine Kleintrombe, das Gegenstück zur Großtrombe (Tornado, Windhose), und hat mit den Unwettern der Vortage nichts zu tun. Außerdem sind die Spitzenwindgeschwindigkeiten so gering, dass keine Schäden auftreten. Der Begriff Mini-Tornado ist komplett sinnbefreit und trifft auf kein Naturphänomen zu – ab in die Tonne damit.

Tornado im Salzkammergut

Im Salzkammergut hat ein Feuerwehrmann einen kleinen Tornado mit seinem Mobiltelefon gefilmt. Die Windhose demolierte ein Geländer und habe in der Wiese eine Schneise hinterlassen, teilte das Bereichsfeuerwehrkommando des Bezirks Liezen in einer Aussendung mit. Ein massiver Holzboden, bestehend aus Kantern und Pfosten, sei auf einer Fläche von etwa 30 Quadratmetern weggerissen worden. Die Trümmer flogen laut Feuerwehr bis zu 100 Meter weit durch die Luft.

Quelle: http://oesterreich.orf.at/stories/2918556/

Weitgehend korrekt berichtet der ORF. Zwar würde ich nicht von kleinem Tornado sprechen, wenn es signifkante Schäden gegeben hat, insbesondere, wenn Trümmer bis zu hundert Meter weit verfrachtet wurden, doch kann man Windhose und Tornado legitimerweise synonym verwenden.

Die Sichtung war bei dem Ort Klachau unweit der Kulmschanze nördlich vom Grimming. Entgegen der dortigen Angabe …

die Mitglieder der Freiwillige Feuerwehr Klachau wurden Zeuge eines äußerst seltenen Naturschauspieles, zumindest in unseren Breitengraden:

… sind Tornados aber in unseren Breitengraden gar keine Seltenheit, auch nicht im Alpenraum. Fünf bis zehn Tornados werden in Österreichs im Schnitt pro Jahr gesichtet.

Gemäß den Radarbildern und Webcambildern ist der Tornado entweder zwischen 17.10 und 17.20 MESZ aufgetreten oder zwischen 15.30 und 16.00 MESZ.

Um 15.40 MESZ gibt es am Ort der Sichtung eine verdächtige Wolkenabsenkung:

lawinenstein-120618-1340utc

Webcam Lawinenstein/Tauplitz am 12.06.18, 15.40 MESZ

wallcoud

mit Beschriftung

Ein Tornado bildet sich üblicherweise im Grenzbereich Aufwind/Wall Cloud, manchmal auch direkt aus der Wall Cloud.

Angesichts der Schäden wurde Orkanstärke wohl kurzzeitig erreicht, also mindestens ein F1-Tornado.

Abschließend noch die subtilen Unterschiede zwischen seriösen Medien und unseriösen…

schlagzeilen

Wolkenbruch

„Wolkenhit“ (orf.at) und „Himmelstsunami“ (krone.at)  – so wird ein kräftiger Regenschauer über dem Millstätter See derzeit in den Medien tituliert.

Die Aufnahmen sind sehr ästhetisch, aber keineswegs so ungewöhnlich, wie es in den Medien wieder einmal hochstilisiert wird. Entsprechend nüchtern fällt auch die Erläuterung des ZAMG-Meteorologen im ORF-Bericht aus:

„Man sieht, wie das Gewitter vom Goldeck zum Millstätter See zieht. Das Besondere ist, dass man freien Blick darauf hat. Man sieht die Auswirkungen sehr gut, Starkregen und den kräftigen Wind, der punktuell auch für Probleme gesorgt hat.“

Mit anderen Worten: So etwas kommt immer wieder vor, man bekommt es halt besonders in der Alpenrepublik selten zu Gesicht, weil irgendwelche Berge im Weg stehen. Himmelstsunami ist natürlich ein völliger Blödsinn, weil ein Tsunami als geologisches Phänomen nichts mit wolkenbruchartigem Regen zu tun hat.

Knapp zwei Wochen vorher: Ein nahezu identisches Ereignis in Andelsbuch, Bregenzerwald (Vorarlberg), zufällig im richtigen Moment von der Kamera im 10-Minuten-Intervall eingefangen.

andelsbuch

Webcam Andelsbuch am 30. Mai 2018, 20.30 MESZ – Quelle: foto-webcam.eu

In beiden Fällen sieht man ausgeprägte Fallstreifen vom Niederschlag (Regen, kleiner Hagel), in der Fachsprache praecipitatio genannt. Aufgrund der langsamen Verlagerung stehen die Auf- und Abwindbereiche der Schauer nahezu vertikal und innerhalb Minuten kann sich das gesamte, in der Wolke enthaltene Flüssigwasser entladen. Bei besonders feuchten und warmen Luftmassen, die mehr absolute Feuchte enthalten, ist dieser Prozess besonders effektiv.