Wetterphänomen im Lungau: nur was?

Eigentlich schätze ich den Autor dieses ORF-Texts (abgerufen am 14.08.2018) sehr. Er tritt kompetent und sachlich bei Bergunfällen und Lawinenereignissen in Erscheinung, seine Texte sind meist sehr detailliert und gut recherchiert. Hier hat er sich aber auf ein Terrain gewagt, das offensichtlich nicht seines ist, das merkt man leider vom Anfang bis zum Ende, wenn auch nur als Meteorologe.

Teil 1: Eigene Recherche

Vorab: Ich kenne den exakten Zeitpunkt des Videos nicht und aus dem Video ist nicht klar ersichtlich, wie die Wolken unmittelbar über dem Wirbel beschaffen waren.

Was wir wissen: Montagnachmittag ist von Westen her eine Kaltfront mit vorlaufenden Schauern und Gewittern durchgezogen. Davor heizte sich die Luft nochmal auf 27°C in Mariapfarr auf.

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Webcambild Bergstation 14.00

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Webcambild Bergstation Fanningberg, 15.15

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Webcambild Talstation, 15.00

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Webcambild Talstation, 16.00

Von den Webcambildern her fand das Ereignis eher zwischen 14.00 und 15.00 als zwischen 15.00 und 16.00 statt. Im Webcambild der Talstation sieht man um 15.00 am linken Bildrand (Richtung Nordosten) eine abziehende Cumulonimbuswolke (helle fasrige Eiswolke), um 16.00 ist die Bewölkung bereits deutlich aufgelockerter, mit größeren Wolkenlücken nach Westen hin. Zudem weht bereits böiger Nordwestwind. Im besagten Zeitraum zogen ca. 8 bis 10km nördlich und östlich Schauerzellen durch.  Die Wetterstation Tamsweg meldete um 14.00 (föhnigen) Südostwind mit 13kt, zwischen 15.00 und 15.30 drehte der Wind auf Ost bis Nordost mit bis zu 17kt. Am Katschberg und in St. Michael/Lungau wehte weiterhin föhniger Südwind.

Was man nicht sieht: Weder die Radarbilder noch die Video- und Webcamaufnahmen deuten auf langlebige rotierende Gewitterwolken hin (= Superzellen). Einen Superzellentornado kann man ausschließen.

Spekulation:

Staubteufel (Kleintrombe)

Was spricht für einen Staubteufel? Die kräftige Tageserwärmung, immerhin knapp 27°C in Mariapfarr auf über 1100m. Der Umstand, dass vorher Windstille geherrscht haben soll, auch wenn das während dem Video so aussieht, als würde auch in der Umgebung schon der Wind gehen. Die aufgelockerten Wolken im Hintergrund, die eine kräftige konvektive Wolke vermissen lassen und damit eine Großtrombe.

Was spricht dagegen? Die Entstehung über dem See, sofern er nicht vorher schon existierte. Bei einer Umgebungstemperatur von 27°C müsste der See wohl über 40°C haben, damit sich eine rasche Temperaturabnahme mit der Höhe über der Wasseroberfläche einstellt. Das ist eher unwahrscheinlich. Laut Windmessdaten wehte in der Umgebung beständiger Südost- bis Südwind (Taleinwinde und Föhn). Das würde Heißluftblasen am Boden eher wegdrücken oder zerreißen. Außerdem war es während dem Video stark bewölkt, während Staubteufel meist bei Sonnenschein auftreten, sonst reicht es für Überhitzung nicht aus.

2. Gustnado (Böenfrontwirbel)

Gegen einen Böenfrontwirbel spricht, dass keine Schauerzelle den Ort direkt getroffen hat, sondern nördlicher bzw. östlicher vorbeigezogen sind, und zwar in beträchtlicher Entfernung. Wenn, müsste die Böenfront so kleinräumig gewesen sein, dass nicht einmal die ca. 2km entfernte Station in Mariapfarr etwas davon bemerkt hat (dort blieben die Winde auf Ost und die Temperatur ging kaum merkbar zurück). Überdies entstehen Böenfrontwirbel eher in Zusammenhang mit ausgeprägteren Gewitterlinien, hier gab es aber verstreute Einzelzellen. Für einen Böenfrontwirbel spricht am ehesten, dass kein Kontakt zu einer übergeordneten konvektiven Wolke erkennbar ist.

3. Ein nichtsuperzelliger Tornado („Typ-II-Tornado, Großtrombe“)

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Entstehung von Typ-II-Tornados (Skizze von Wakimoto & Wilson 1989)

Diese Tornadoart bildet sich dann, wenn kräftige Aufwinde nichtrotierender Gewitterwolken über bodennah bereits bestehende Wirbel ziehen. Der Aufwind streckt den Wirbel vom Boden bis zur Wolkenuntergrenze – fertig ist der Tornado.

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Lage der Webcam-Stationen, Wetterstation und Wirbelereignis, Windverhältnisse (Quelle: Open Street Map)

Die Karte zeigt Ostwinde (Taleinwinde) östlich vom Ereignisort sowie Südwinde (Föhn) deutlich westlich. Die Schauerzellen nördlich verursachten wahrscheinlich Nordwinde (vlg. Fahnen an der Talstation). Das kann eine lokale, bodennahe Konvergenzzone beim Outdoorpark erzeugt haben. Winde, die also zusammenströmen und einen Wirbel um eine vertikale Achse bilden. In dem Fall gebildet durch das Ausströmen aus nördlicher Richtung (Weißpriachtal), welches auf den Südwind/wärmere Luft bei Fanning trifft.

Für einen klassischen Tornado müsste sich der Aufwindbereich der Schauerwolke über dem Wirbel befunden haben. Das ist aus dem Video leider nicht ersichtlich. Man erkennt zwar im Hintergrund Niederschlag, die räumliche Nähe am trockenen Standort kann daher gepasst haben, aber das würde den Augenzeugenbeobachtungen widersprechen („aus heiterem Himmel“). Allerdings reichte der Wirbel relativ weit hinauf (man beachte, wie weit das Strandglumpat in die Höhe gezogen wurde).

Zusammenfassung:

Aus dem Video und den wenigen Beobachtungsdaten in der Umgebung kann nicht zweifelsfrei geklärt werden, was hier tatsächlich vorliegt. Ein Superzellentornado ist ausgeschlossen, ein klassischer Böenfrontwirbel wars nicht, ein kräftiger Staubteufel (Kleintrombe) erscheint am wahrscheinlichsten, evtl. zusätzlich gestützt durch die konvergenten Windverhältnisse. Für den Fall, dass sich doch ein Aufwindbereich über dem Wirbel befand, wäre ein nichtsuperzelliger Tornado ebenfalls denkbar.

Teil 2: Kritik am ORF-Text – Kraut und Rüben

Minitornado im Lungau gefilmt

Bei Mariapfarr (Lungau) hat ein Hörer von ORF Radio Salzburg ein besonderes Wetterphänomen gefilmt – einen „Böenfrontwirbel“ bzw. „Gustnado“, im Volksmund auch „Windhose“ genannt – eine Art Minitornado.

Im Volksmund gibt es überhaupt keinen Begriff für Böenfrontwirbel. Der Fachbegriff lautet Gustnado. Im Volksmund sagt man Windhose für Tornado, ohne den Präfix Mini, denn ein Tornado ist ein Tornado. Von der Entstehung her besteht kein Unterschied zwischen einem Lungauer Tornado zu einem über Kansas oder Florida.

[…]. Solche Wirbel entstehen bei bodennaher Überhitzung der Luft aus heißen und kälteren Windböen vor herannahenden Regenschauern oder Gewittern. Zu sehen ist eine so genannte „Kleintrombe“.

Der bodennahen Überhitzung würde ich bei Böenfrontwirbeln eine weniger bedeutende Rolle zuschreiben, sondern – wie der Name schon sagt – vor allem der ausströmenden Kaltluft aus dem Schauer oder Gewitter. Die kann hier nicht sonderlich markant gewesen sein, zumindest gab es in Mariapfarr kaum einen Temperaturrückgang. Gustnados werden zu den Kleintromben gezählt, Windhosen aber zu den Großtromben. Vorsicht vor Begriffsverwirrungen!

Tornados, „Charlie Bravos“ und „Downbursts“

Dieses Luftkraftwerk in der Atmosphäre könnte sich noch verstärken, wenn die kleine Windhose weiteren Kontakt zu sehr starken Aufwinden einer großen und hochreichenden Gewitterzelle („Superzelle“) in der näheren Umgebung bekäme – Cumulonimbus bzw. „Charlie Bravo“ in der Fliegerei genannt.

Wie gesagt, ein Böenfrontwirbel ist keine Windhose per definitionem. Die Titulierung eines Gewitters als Superzelle setzt zwingend langlebige Rotation (mindestens 10-20m) der Gewitterwolke voraus! Sonst ist es einfach ein sehr starkes Gewitter. Cumulonimbus ist der lateinische Begriff für Gewitterwolke (bzw. eine Cumuluswolke im Vereisungsstadium), CB abgekürzt, aber kein Synonym für Superzelle und auch keines für „großen und hochreichenden“ Gewitterzelle. Cumulonimben unterteilt man je nach Stadium in capillatus, calvus und incus. Die Größe und die vertikale Erstreckung spielt bei den Unterarten keine Rolle, ebenso wenig bei Superzellen. Es gibt auch (vertikal) flache Superzellen, etwa im Winterhalbjahr.

Riesige Flächen wären für Tornado nötig

Nur im Extremfall könnte sich aus dem kleinen Wirbel ein mehrere Kilometer hoher Tornado mit äußerst starken Aufwinden im Inneren sowie „Downbursts“ (Fallböen) an den Außenseiten entwickeln, die auch große Verkehrsflugzeuge zum Absturz bringen könnten. In Europa sind solche Phänomene äußerst selten. Es gäbe dazu auch Vorwarnsysteme. Die riesigen Energiemengen für große Wirbelstürme kann die Atmosphäre dort umsetzen, wo sich große Wasser- oder Landflächen aufheizen – zum Beispiel auf den Prärien im Westen der USA oder Kanadas bzw. auf Ozeanen.

Hier ist wieder einiges durcheinandergeraten. Ein Tornado braucht keine riesigen Flächen, sonst gäbe es sie nicht gelegentlich auch in Gebirgstälern, wie etwa in Innsbruck (1. Februar 2005), in Ellmau (25. August 2012), am Alpenostrand (Klosterneuburg) sowie in etlichen anderen hügeligen bzw. gebirgigen Regionen. Die Abwinde im Bereich eines Tornadoschlauchs bezeichnet man normalerweise nur als Abwinde (Downdrafts) und nicht als Downbursts. Downbursts (Fallböen) bezeichnen ein völlig anderes Windereignis in Zusammenhang mit Gewittern, sogenannte straight-line Winds (geradlinige Winde), die nichts mit Aufwinden oder Rotation zu tun haben. Dabei werden die Abwinde stark beschleunigt und strömen seitlich am Erdboden aus. Das geschieht mit solcher Wucht, dass Sturm- oder Orkanböen auftreten. Tornados sind aber genau das Gegenteil, hier konzentrieren sich die stärksten Winde auf den Aufwindbereich des Gewitters, in der Umgebung des Tornados kann es sogar eher noch zu stärkeren Böen in Richtung Gewittern kommen („Inflow“), im Gegensatz zu den Böen vom Gewitter weg („Outflow“).

In Europa sind Tornados häufig, nicht sehr selten. (vgl. Karte in diesem Artikel). Die Intensität der Tornados hängt nicht mit der Fläche zusammen, in der energiereiche Luft gebildet werden kann. Beispiele für verheerende Tornados in Europa sind z.b.  Woldegk/Mecklenburg-Vorpommern (1764), Hainichen/Sachsen (F5, 1800), Wiener Neustadt (F4/F5 1916), Pforzheim/Baden-Württemberg (1968),Acht/Eifel (2003), Hautmont/Frankreich (2008) sowie einige starke Tornados auch in Benelux, Polen und Italien. Nicht zwingend riesige Flächen.

Im Artikel fehlen wichtige Voraussetzungen für starke Tornados: Eine markante Windzunahme mit der Höhe bei gleichzeitig starkem Wind in den untersten 2km der Atmosphäre, niedrige Wolkenuntergrenzen (unter 2km) sowie die üblichen Zutaten für kräftige Gewitter. Winterstürme liefern diese Bedingungen in Europa tendenziell häufiger als sommerliche Gewitter. Bei letzterem sind in der Tat große Landflächen (Polen, Russland, Frankreich) im Vorteil, aber weniger wegen der Energieumsetzung als weil dann langlebige Gewitter existieren können, die im hügeligen Gelände leichter zur Auflösung neigen oder eher mit Nachbarzellen kollidieren. Je langlebiger ein rotierendes Gewitter, desto eher kann sich ein starker Tornado entwickeln.

Große Wasserflächen oder die Nähe zu Ozeanen spielen eine geringere Rolle. Sie können zwar das nötige Feuchteangebot liefern, um viel Energie aufzubauen, aber wie Europa zeigt, können das die Windverhältnisse durchaus kompensieren. Auf Ozeanen geht es bei riesigen Energieumsetzungen dann mehr um tropische Wirbelstürme, ein ganz anderes Wetterphänomen von der Größenskala her.

Für die Entstehung eines Tornados müssten bei Bedingungen wie im Lungau weitere Faktoren dazukommen: Starke Aufwinde einer nahen Gewitterzelle, Kontakt des kleinen Wirbels mit diesem System und große Labilität der Luft bis in große Seehöhen. […]

Was hier gänzlich fehlt, ist der Einfluss der Windscherung und der Drehung des Windes mit der Höhe (s.o.). Außer es handelt sich um nichtsuperzellige Tornados, dann reicht der oben beschriebene Fall aus. Gewöhnlich handelt es sich bei nichtsuperzelligen Tornados aber eher um schwächere Gewitter oder nur Regenschauer mit geringen Höhenwinden.

Wenn nämlich feuchtwarme Luft eines Hochs gegen ein Gebirge anströmt und aufsteigt, dann kondensiert der in der Luft enthaltene Wasserdampf. Es entstehen Wolken, die in Gipfelbereichen für viel Regen oder Schnee sorgen können. Auf der anderen Seite der Berge herrscht dagegen wolkenloses Wetter mit zum Teil sehr warmen Fallwinden. Ihre Energie kommt aus der Kondensationswärme der aufgestiegenen Luftmassen.

Die Föhnerklärung ist leider völlig veraltet und trifft vor allem in Österreich nicht zu. Immerhin die Hälfte aller Föhnfälle in Innsbruck zeigen keinen Niederschlag im Luv (Seibert 1989), und bei 5% aller starken Föhnlagen gibt es nicht einmal ein Fünftel Bedeckung an der Alpensüdseite (Fliri 1983). Messungen haben ergeben, dass die Freisetzung von Kondensationswärme nur 1-2 Grad mehr auf der Leeseite ausmacht (Seibert 1990). In der Schweiz kommt es viel häufiger zu Niederschlag im Luv bei Föhnereignissen, in Österreich ist aber folgender Mechanismus am wahrscheinlichsten:

Die Kaltluft im Luv bleibt, wo sie ist, während Luftmassen in höheren Luftschichten über den Gebirgskamm fließen und sich leeseitig in der Abwärtsbewegung erwärmen.  Die potentielle Temperatur nimmt bei stabiler Schichtung im Luv mit der Höhe zu. (Potentielle Temperatur: Wenn man das Luftpaket einer bestimmten Höhe mit 1 Grad pro 100m Anstieg auf eine Seehöhe mit 1000 hPa Luftdruck herunterbringt). Je potentiell wärmer diese Luft, desto größer auch die Erwärmung im Lee, völlig unabhängig davon, ob es Niederschläge oder Bewölkung im Luv gibt.

Die moderne Föhntheorie wurde bereits 1866 von Julius Hann (Zur Frage über den Ursprung des Föhn. – Zeit. Öster. Ges. Met. 1 (1), 257-263, Wien) entwickelt, die jahrzehntelange Darstellung von Föhn in vielen Schul- und Lehrbüchern dominiert hat dann aber Heinrich von Ficker mit seiner thermodynamischen Föhntheorie (1910).

Ich hoffe, der Autor des ORF-Artikels nimmt mir diese Belehrung nicht übel, ich schätze ihn wie gesagt sehr aufgrund seiner sonstigen Berichte.

GFS das schlechteste Wettermodell: Stimmt das?

GFS steht für Global Forecast System und ist das vom US-Wetterdienst National Weather Service (NWS) gerechnete Vorhersagemodell.

Gute Vorhersage-Apps gibt es schon allein deshalb nicht, weil das Hauptgeschäft der Wetterdienste das Business-to-Business-Geschäft ist – das macht man sich nicht durch gute Apps kaputt. Viele Apps arbeiten mit dem schlechtesten, aus Amerika stammenden Wettermodell. Dieses Wettermodell weiß mit seinem 28 x 28-Kilometer-Raster nicht einmal, wo Berg ist und wo Tal; andere Modelle sind etwas feinmaschiger, nur unser eigenes Modell hat eine Auflösung von 1 x 1 Kilometer.

Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2018/wetter/joerg-kachelman-nich-nehme-jeden-unwettertoten-persoenlich (abgerufen am 09.08.2018, 10.22)

Ich sehe diese Aussage aus mehreren Gründen kritisch:

Erstens ist GFS eines der wenigen Modelle, wenn nicht das einzige Modell, das seit Beginn des Internetzeitalters frei verfügbar für jedermann ist. Auch die GRIB-Files (Datenformat eines Wettermodells) können von jedem heruntergeladen werden, damit lassen sich – vorausgesetzt, man hat das nötige Hintergrundwissen und einen leistungsstarken Rechner – eigene Lokalmodelle mit den Ausgangsdaten von GFS füttern. Der nahezu unbegrenzte Zugang hat den Siegeszug privater Wetterdienste befeuert, die Konkurrenz staatlicher Wetterdienste belebt und damit auch das Dienstleistungsservice an den Kunden bzw. Bürgern verbessert. Nicht zuletzt begannen viele Hobbymeteorologen, darunter auch ich, mit dem Anschauen und Interpretieren der GFS-Karten. So wurde ich überhaupt darin bestärkt, auch beruflich in die Vorhersage zu gehen. Mit der fortschreitenden Regierung der USA unter Trump ist fraglich, wie lange GFS noch frei verfügbar sein wird. Das Nachfolgemodell FV3 soll Anfang 2019 erscheinen.

Zweitens, jedes Modell hat seine Stärken und Schwächen in gewissen Regionen und bei gewissen Wetterlagen. Das europäische EZWMF, dessen Daten bei Kachelmann frei verfügbar sind, hat unbestritten die beste Langfristperformance und die beste Performance bei Hurrikanvorhersagen. GFS ist aber nach wie vor stark bei Feuchtkonvektion (Schauer und Gewitter), und zwar unabhängig vom Scale, also angefangen von den täglich korrekt angedeuteten Böhmerwaldgewittern bis zur ausgewachsenen Squall line quer über Mitteleuropa. Aus GFS werden zahlreiche spezielle Vorhersageparameter für Konvektion berechnet, auch hochaufgelöste Lokalmodelle werden damit angetrieben. Mithilfe dieser Karten werden seit langem erfolgreich Unwettervorhersagen realisiert, u.a. von ESTOFEX.

Drittens ist schon lange bekannt, dass ein hochaufgelöstes Modell mit 1×1, nicht einmal mit 4×4 km, die eierlegende Wollmilchsau ist. Wetterdienste picken sich gerne zur Selbstbestätigung nur jene Wetterereignisse heraus, wo das Modell gepasst hat, und negieren die anderen, wo es danebenlag. In den vergangenen Wochen lag kein Wettermodell täglich richtig, was die Entstehungsorte, die Zeitpunkte und die Zugbahnen der Gewitter betraf. Wie Kachelmann richtig schreibt,

Ihr müsst selbst aufs Radar schauen und die unterschiedlichen Wettermodelle miteinander vergleichen.

Und da fällt eben auf, dass die beste Vorhersage nicht notwendigerweise vom höchstaufgelösten Modell stammt. Das Problem bei der Niederschlagsvorhersage ist die sogenannte double penalty (doppelte Bestrafung). Das Lokalmodell rechnet zwar die korrekten Niederschlagsmengen, aber am falschen Ort. Am richtigen Ort wird nichts berechnet. Somit ist die Vorhersage an beiden Orten falsch. Globalmodelle schmieren aufgrund ihrer viel geringeren Auflösung vergleichsweise geringeren Niederschlag über beide Orte drüber. Für Ort B ist die Vorhersage nun richtig, für A ein bisschen falsch.

Niederschlag ist überhaupt der schwierigste Parameter, und damit, viertens, spielt die Lokalerfahrung eine große Rolle:

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Modellorographie von GFS – Quelle: modellzentrale.de

Richtig, GFS weiß nicht, wo die Ötztaler Alpen liegen, anstelle von Tälern und Berge liegt dem Modell eine homogene, geneigte Hochfläche zugrunde. Auch der Wienerwald existiert nicht, was Fehler bei der Windberechnung erzeugen kann (nach oben und unten, da weil der Wienerwald je nach Anströmung Föhneffekte erzeugt). In den Zentralalpen ist die Prognose am schwierigsten, was Bewohner bestätigen „Im Lungau ist das Wetter immer anders. In Osttirol haben wir unser eigenes Wetter.“ Das Gleiche gilt für die gesamten Ötztaler Alpen, insbesondere für jene Gebiete in unmittelbarer Nähe zum Alpenhauptkamm. So kann es bei Nordstau in Inntalnähe noch regnen und am Alpenhauptkamm noch sonnig auflockern. Das Inntal wiederum trennt die klassischen Nordstaulagen (Nördliche Kalkalpen vom Bregenzerwald bis Schneeberg) von den inneralpinen Trockengebieten (Oberes Gericht bis Lungau). Als erfahrener Meteorologe habe ich das alles im Hinterkopf, wenn ich Wetterkarten interpretiere. Essentiell ist dabei auch die Betrachtung der Höhenwindkarten. Unterhalb Kammniveau lässt sich nur großräumig sagen, aus welcher Richtung der Wind kommt. An einem schönen Sommertag wehen Talwinde (talaufwärts), bei Kaltfrontdurchgang meistens Nordwinde, bei Südwestlagen mitunter Südföhn.

Zwei Vorhersagebeispiele, wo sich trotz der 28x28km Auflösung sehr wohl herauslesen lässt, wo bevorzugt Gewitter auftreten können. Grundlage ist jeweils der heutige Modelllauf (Donnerstag, 09. August 2018, 00 UTC).

3-stündige Vorhersage von GFS für Sonntag, 12. August, 17 Uhr bis 20 Uhr MESZ

west

Mit Kenntnis der echten Topographie lassen sich zwei Schwerpunkte herausfiltern: Zum Einen vom Bregenzerwald über die Allgäuer Alpen und das Karwendel bis zu den Berchtesgadener Alpen und Osterhorngruppe (= Nördliche Kalkalpen), zum Anderen im Tessin und Graubünden bis Süd- und Osttirol. Die Zentralalpen blieben in diesem Fall ausgespart, was auf eine Südwestströmung hindeutet.

westwind

Tatsächlich werden in 700hPa Hlhe (= ca. 3000m) schwache Südwestwinde gerechnet. Das zeigt auch das kleine Niederschlagsmaximum im Bereich der Hohen Tauern (bzw. im Modell entlang der höchsten Erhebungen), was so eher nicht zutreffen wird.

3-stündige Vorhersage von GFS für Montag, 13. August, 17 Uhr bis 20 Uhr MESZ

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Einen Tag später für den gleichen Zeitraum (später Nachmittag) sehen die Niederschlagsignale flächiger und kräftiger aus. Zwar werden weiterhin die stärksten Signale am Alpennordrand gerechnet, doch sind nun das Inntal und allgemein die Zentralalpen nicht mehr ausgespart.

west2wind

Auch diese Niederschlagsberechnung erscheint realistisch, wenn man sich die zugehörigen Höhenwinde anschaut. Hier wird nämlich eine markante Windkonvergenz (Zusammenströmen der Winde) quer über die Alpen gerechnet, was auf großräumige Hebung andeutet [Meteorologen schauen sich natürlich noch viel mehr Wetterkarten an, aber das würde hier den Rahmen dieses Blogtexts sprengen.]  Damit wären in der gesamten Westhälfte Österreichs bis hin zum Salzkammergut und Hohe Tauern Gewitter möglich.

Die Zahlen stehen für die jeweiligen Gitterpunkte und sind gemittelte Werte. In der konvektiven Niederschlagsprognose sind Werte wie Wahrscheinlichkeiten zu lesen, je höher, desto wahrscheinlicher kommt es tatsächlich zu Schauern oder Gewittern, und lassen außerdem Rückschlüsse auf die Absolutwerte zu. Je höher der Wert am Gitterpunkt, desto wahrscheinlicher kommt es zu extremen Regenfällen. Was man in einem Globalmodell aber nie finden wird, sind annähernd tatsächlich gemessene Niederschlagswerte, also krumme Werte wie 27mm, 34mm oder 60mm wie kürzlich in St. Radegund am Schöckl (am Schöckl selbst stoppte die Datenübertragung bei 140 mm in 1 Std.). Anhaltspunkte für Extremwerte sind wiederum nur in Lokalmodellen zu finden, aber – wie oben erwähnt – mitunter am falschen Ort.

Als letztes Beispiel noch die aktuelle Vorhersage für den heutigen Tag, ich beziehe mich wieder nur auf die Niederschlagskarten:

3-stündige Niederschlagsprognose für Donnerstag, 17 bis 20 Uhr MESZ

gfs-heute

Um 20.00 MESZ liegt die Kaltfront zwischen Niedersachsen und Bodensee, die Linienform deutet auf eine Gewitterlinie hin, die Absolutwerte auf zwei Schwerpunkte, über Niedersachsen und Hessen nahe dem Tiefdruckkern (Nordsee), und über der Schweiz und Württemberg (energiereichste Luftmasse und Verstärkung durch Föhnlage). Vorlaufend von den Dolomiten bis Chiemgau entstehen isolierte Gewitter (der Erfahrung nach können diese sehr großen Hagel hervorbringen).

3-stündige Niederschlagsprognose für Donnerstag/Freitag, 23 bis 02 Uhr MESZ

nacht

Nach Mitternacht ist das Niederschlagsfeld entlang der Kaltfront geschlossen, und zwar vonRügen bis zur Zentralschweiz. Westlich von Salzburg läuft die Front aus der Zone mit Hebungsantrieb heraus, die Niederschlagssignale schwächen sich ab. Weiter östlich und nördlich bleibt sie deutlich ausgeprägter, hier werden wir heute Abend mitunter eine oder zwei markante Gewitterlinien sehen. Hinweise auf eine zweite Linie bzw. vorauseilende Gewitter gibt es über dem Innviertel sowie von der Westgrenze Polens über Ostsachsen bis zum Bayerwald. Hier ist das Niederschlagsfeld konvex nach Osten ausgebeult.

Darauf deutet auch die Position der Bodenwindkonvergenz hin:

10m

Man beachte: Die Windkarte zeigt die Verhältnisse zum Zeitpunkt 00 UTC (2 Uhr MESZ), die Niederschlagskarte die Niederschlagssummen zwischen 21 und 00 UTC.

Der Windsprung von Ost nach West ist in Böhmen und Nordösterreich also viel weiter östlich als die Gewitterlinie. Das lässt Rückschlüsse auf das Überleben der Gewitterlinie zu. Je enger Windsprung und Niederschlagssignale beisammen sind, desto wahrscheinlicher pflanzt sie sich fort. Das hängt mit der relativen Lage der Gewitterfront zum Tiefdruckkern zusammen. Schlechte Karten also für den Alpenostrand und Wien, wo nur noch kräftiger Westwind ankommt.

Ich habe jetzt nur GFS herausgepickt, weil es sonst zu unübersichtlich wird. Andere Modelle zeigen einen etwas anderen Ablauf, auch wenn sich alle Modelle einig sind, dass heute abend eine Gewitterlinie durchgeht.

In einem Punkt stimme ich Kachelmann zu:

Es ist unmöglich, den geschilderten Ablauf, die Interpretation der Karten, die ganze Lokalerfahrung in ein einziges Wetterapp-Symbol für einen beliebigen Ort zu packen, möglicherweise gar ein Symbol für den ganzen Tag, für Vor- oder Nachmittag. So kommen Angaben zustande, die offenkundig saumäßig sind, etwa einstellige Niederschlagswahrscheinlichkeitsangaben vor dem Gewitter, und 84% während dem Gewitter (so wie gestern von „The Weatherchannel“ für Salzburg-Stadt). Das gilt aber für Apps aller Datengrundlagen, egal ob Global- oder Lokalmodell. Ich kann und werde keine „beste App“ empfehlen, weil es sie nicht gibt. Ich empfehle zu vergleichen, und weil man von keinem Ottonormalverbraucher erwarten kann, dass er sich die Zeit nimmt, verschiedene Wettermodelle zu vergleichen, empfehle ich old school Textprognosen, vom Alpenverein, vom Segelwetter, vom Flugwetter, von ORF und ZAMG und andere Quellen. Wer es detaillierter wissen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als um eine telefonische Auskunft zu bitten, bei erfahrenen Hüttenwirten nachzufragen oder sich eben doch selbst einzulesen, aber das ist immer noch zuverlässiger als sich von einer App Bullshit einreden zu lassen.

Nachtrag am Rande: In der letzten Juliwoche war ich in den Ötztaler Alpen unterwegs, nur mit sporadischem Handyempfang. Als Grundlage für die Wanderwoche diente mir eine Mischung aus EZWMF und GFS, für allfällige Updates begnügte ich mich mit den GFS-Karten der Wetterzentrale für den Mitteleuropa-Ausschnitt (obige Karten). Damit kam ich jeden Tag durch, unter Berücksichtigung der klimatologischen Besonderheiten (inneralpine Trockentäler). Die hochaufgelösten Modelle hätten suggeriert, es gewittert genau an unserem Gipfel oder ausschließlich im Nachbartal. Eine Genauigkeit, die ich nicht erwarte und die ich auch nicht 1:1 übernehmen würde.