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Über Forscher (in Kooperation mit Meteoerror)

abgeschlossenes Diplom-Studium der Meteorologie & Geophysik in Innsbruck | seit 2010 Berufsmeteorologe | umfassendes Interesse für meteorologische Phänomene wie Föhn, Tornados, Gewitter, Schnellläufer (Stürme), Talwindsysteme | fühlt sich dem Gewissen verpflichtet, über irreführende Darstellungen meteorologischer Sachverhalte in den Medien aufzuklären

Das unvorhersehbare Wetterphänomen

Wetterereignis legte Staßenbahnen lahm

Nichts ging mehr Dienstagfrüh bei einigen Straßenbahnlinien in Graz. Durch ein unvorhersehbares Wetterereignis sei es zu vereisten Oberleitungen gekommen, heißt es seitens der Holding Graz. Verspätungen bei den Linien 1, 4 und 6 waren die Folge.

Ein unvorhersehbares Wetterphänomen sei daran Schuld gewesen, sagt der Sprecher der Holding Graz, Gerald Zaczek-Pichler: „Gestern Abend gab es noch Regen bei Plusgraden. In den frühen Morgenstunden, um vier halb fünf hat es angezogen, die Oberleitungen sind gefroren, dann haben wir dieses Problem gehabt. Normalerweise ist es kein Problem, weil wir da vorsorgen im Winter – aber diesmal ist alles zusammengekommen.“

[…]

Im Winter, also wenn es schneit bei Plusgraden oder knapp über Null und dann in der Nacht gefriert – wir wissen das meteorologisch – dann fahren wir mit Fahrzeugen durch, dass die Oberleitungen nicht gefrieren und dann haben wir dieses Problem nicht oder sehr selten“, so Zaczek-Pichler – die letzte Nacht sei wettertechnisch also eine Ausnahmesituation gewesen.

[….]

Quelle: https://steiermark.orf.at/stories/3025525/

Die Begründung für die Ausfälle muss selbst dem, der die Aussage hier tätigt, hohl vorkommen. Es hat abends durch das vorbeistreifende Adriatief geregnet, nach Mitternacht klarte der Himmel auf, die Temperatur sank in den Frostbereich. Das ist identisch mit Schneefall bei Plusgraden, wenn der feste Niederschlag logischerweise nicht liegenbleibt, sondern schmilzt und später anfriert. Mehr fällt mir dazu ehrlich gesagt gar nicht ein.

Saharastaub und Wettervorhersagen

Saharastaub-Vorhersage für Dienstag, 10.12.2019 – Gesamtstaubmenge in mgr/m², Quelle:

Neulich stöberte ich in der Tageszeitung „Die Presse“, als ich in der Wissenschaft-Beilage über folgende Aussage stieß, mit der der Artikel begann:

„Wenn sich Saharastaub über Wien legt, stimmen die Wettervorhersagen selten. Die Rückkopplungseffekte der kleinen Teilchen in der Luft – Absorption und Reflexion von Sonnenstrahlung – sind in den Prognosemodellen schlichtweg nicht berücksichtigt.“ [Quelle: Die Presse, 7.12.2019, W1]

Die Autorin nimmt an, dass die Wettervorhersage zwangsläufig falsch ist, wenn die Prognosemodelle falsch sind. Diese Aussage ist ein wenig gewagt. Hier fehlt nämlich ein wichtiger Zwischenschritt: Der Mensch. Die Aufgabe des Meteorologen ist ähnlich wie früher bei Journalisten: Sie entscheiden, welche Information richtig oder falsch ist, was verwertet werden kann in einer Prognose und was als unrealistisch verworfen wird. Die Autorin hätte Recht, wenn sie sich explizit auf Wetter-Apps und andere Anbieter bezogen hätte, wo man vermeintlich „postleitzahlgenaue“ bzw. „Standortgenaue“ Prognosen beziehen kann. Diese werden allerdings automatisch erstellt, der Filter Mensch fehlt.

Tatsächlich lässt sich Saharastaub sehr gut vorhersagen, sowohl die Gesamtmenge, die bodennahe Konzentration und jener Anteil, der bei Niederschlag ausgefällt wird. Von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik werden täglich frei verfügbare Prognosen mit einem hochaufgelösten Wettermodell gerechnet, die Auskunft über die Saharastaubzufuhr geben.

Richtig ist, dass die Wettermodelle die Saharastaub vor allem bei der Bewölkungsprognose unterschätzen. Denn die Staubaerosole dienen als Kondensationskeime für unterkühltes Flüssigwasser und erleichtern die Wolkenbildung. In meinem Beitrag vom 08. April 2016 über einen nicht eingetroffenen Fall von Blutregen habe ich bereits erläutert, dass Saharastaub vor allem die hohe und mittelhohe Bewölkung (Cirrus, Altocumulus) verstärkt, sodass die Sonneneinstrahlung abgeschirmt wird. Das bringt Abzüge im Temperaturmaximum, in der Schauer- und Gewitterneigung, aber auch generell bei Quellwolken durch die verringerte Thermikentwicklung. Ist die Luft in großen Höhen sehr trocken, sodass keine Bewölkung vorhanden ist, dann erscheint der Himmel diesig und grell. Wenn Saharastaub beteiligt ist, dann sind dynamische Hebungsprozesse nötig, um dennoch signifikante Schauer- und Gewitterbildung zu erzeugen, denn der thermische Beitrag ist durch die geringere oder fehlende Sonneneinstrahlung gering. Automatische Wetterprognosen berücksichtigen das nicht ausreichend, sodass Wettervorhersagen zu pessimistisch erscheinen.

Wetterprofis können aber aufgrund der Staubvorhersagemodelle und Satellitenbilder, die speziell Staub erfassen, sehr wohl den Faktor Saharastaub in ihren Prognosen berücksichtigen.

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Luftmassen-Staub-Satellitenbild von © EUMETSAT vom 07. April 2016, 12.00 MESZ

Damals waren signifikante Staubkonzentrationen vor Griechenland sichtbar (rosa), die angesprochene dichte hohe Bewökung zeigt sich durch den kompakten dunkelroten bis schwarzen Wolkenschirm an der Okklusion.

 

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Satellitenbild vom sichtbaren Kanal, 16. November 2019, Quelle: kachelmannwetter.com

Jedoch sind nicht einmal spezielle Fernerkundungsprodukte notwendig – man erkennt Saharastaub auch auf gewöhnlichen (hochaufgelösten) Satellitenbildern, wie hier an der dichten, grieselig wirkenden Eisbewölkung über dem Ligurischen Meer und Nordostitalien.

Um es auf den Punkt zu bringen: Solange der Beruf Wettervorhersager noch nicht ausschließlich darin besteht, automatisierte Produkte zu erstellen, sondern hinter jedem Medienprodukt und Textprognose ein Mensch mit einem selbst denkenden Gehirn steht, das sehr wohl berücksichtigen kann, wenn Saharastaub herantransportiert wird, dann lassen sich solche Fehlprognosen vermeiden, zumindest aber lässt sich eine Unschärfe bzw. Unsicherheit hineinbringen, die etwa andeutet, dass die Sonne von einem zeitweise sehr milchigem Himmel scheint statt völlig ungetrübt, wie die App uns glauben machen will.

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Gaisberg-Plateau am 15. April 2018 nachmittags

Normalerweise reicht die Fernsicht deutlich bis Dachstein und Ankogel, hier schälen sich Tennengebirge und Göll gerade einmal schwach aus dem Dunst. Der Cirrostratus ist in einen hohen Altostratus übergegangen, welcher die Sonne vollständig verdeckt.

Nachdem Profimeteorologen mit Feuchtekarten in verschiedenen Höhen, Staubkarten und Vorhersagen für das Vertikalprofil der Atmosphäre arbeiten, lässt sich heute relativ gut abschätzen, wie dicht dieser Cirrus ausfällt und was das für die Tageserwärmung bedeutet (häufig auch schwächere Winde, weil die Thermik schwächer ist).

„Wenn sich Saharastaub über Wien legt, stimmen die automatisierten Wettervorhersagen selten.“

So passt es, danke.